
Wien - Mit einem "Sommer der Fotografie" will die Kunsthalle Wien heuer einen besonderen Schwerpunkt auf ein "in Österreich immer noch zu wenig präsentiertes Medium" legen und steigt ab Donnerstag mit einer umfangreichen Einzelschau zu Thomas Ruff in das Thema ein. "Mit einem Künstler, der mit Fotografie über Fotografie reflektiert", wie Kunsthallen-Direktor Gerald Matt bei der Pressekonferenz am Mittwoch erklärte. "Oberflächen, Tiefen" ist der Titel der 150 Werke aus 30 Jahren umfassenden Ausstellung, die bis zum 13. September zu sehen ist.
"Ich gehe davon aus, dass die Fotografie nur die Oberfläche der Dinge abbilden kann", lautet ein der Schau vorangestelltes Diktum Thomas Ruffs, das er in seinen Arbeiten durch ein trickreiches Spiel mit Ein- und Mehrdimensionalität permanent zu belegen antritt. Seinen Motiven setzt er dabei keine Grenzen. Bearbeitete Weltraum-Fotos von der Raumsonde Cassini - "die habe ich auf der NASA-Homepage gefunden", erzählte Ruff - über schmucklose Gebäude und Interieurs bis zu den großformatigen Porträts, die schon seit einiger Zeit von den Plakatwänden blicken. "Es stellt sich die Frage, wer beobachtet und wer beobachtet wird", so Matt.
Seltsam "entraumt", weggehoben von einem dimensionalen Kontext sind die Porträts, an denen Ruff ein Exempel für die Flachheit des Fotos statuiert hat. Mittels Computerprogramm hat er die Gesichter dann auch noch übereinandergelegt und dabei zahlreiche "Andere Porträts" nicht existierender Personen geschaffen. Die Suche nach Tiefe und Raum - und ultimativ der Verzicht darauf - spiegelt sich auch in den Arbeiten, die er für das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron anfertigte. Eine Lagerhalle sollte er fotografieren, stattdessen ließ er das Gebäude von allen Seiten durch einen Auftragsfotografen ablichten und verwob die Ansichten dann zu einem einzigen Bild, bei dem aus dem dreidimensionalen Gebilde eine einzige Fläche wird.
Bei seinen großformatigen "Zycles" hat Ruff sich mit den gleichen Interessen an die Mathematik gewandt. Formeln, teils abstrahiert aus der Physik, ließ er sich von einem 3D-Generator am Computer als Graphen zeichnen, "da bewege ich mich rundherum wie mit der Kamera um ein Objekt - und dann macht es Klick". Virtuell zwar nur, doch der Mausklick und jener der Kamera kommen zu dem selben Ergebnis: Sie schaffen ein Bild, schälen Fläche aus Raum, malen letztlich einfach bunte, geschwungene Linien auf weißen Hintergrund.
Es ist keine Retrospektive, sondern ein "survey", also eine Erhebung, Befragung, Auswahl aus dem Werk, wie Kuratorin Catherine Hug über ihre erste allein verantwortete Ausstellung in der Kunsthalle erklärte. Gemeinsam ist den elf Themenkomplexen ein hohes Interesse für technische Einflussnahme, die Apparatur des Fotografierens. Ob Stereofotografie-Boxen, gefüllt mit Landschaften und Tieren, oder Nachtansichten, die harmlose Düsseldorfer Nachbarschaften per kriminalistischer Nightvision-Technik zu gefährlichen Gegenden macht: stets steht die Frage im Vordergrund, wieweit das Foto sich im Spektrum von Abbild zum Bild fortbewegen kann.
Neben der großen Ausstellung in der Halle 1 geht der "Sommer der Fotografie" mit Diskussionen, Vorträgen und Führungen weiter, ab 3. Juli wird in der Halle 2 außerdem eine thematische Ausstellung zum "Porträt. Fotografie als Bühne" mit Arbeiten von Robert Mapplethorpe bis Nan Goldin gezeigt. (APA)