Kunst Haus Wien: Erste Retrospektive des
Fotografen René Burri in Österreich
Sachlichkeit mit Poesie
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In Macho-Pose: Ernesto "Che" Guevara auf einem Foto von René Burri.
Foto: René Burri/Magnum Photos
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Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer

Der 1933 in
Zürich geborene René Burri betrachtet bereits seine Ausgangs-Position –
mit deutscher Mutter und Schweizer Vater – schicksalhaft. Tatsächlich
galt sein Interesse nicht nur dem Film und der künstlerischen
Fotografie. Auch in der Fotografie selbst, die sein Brotberuf wurde,
gibt es ja mehrere Disziplinen.
Zur Fotoagentur Magnum in Paris
kam Burri über seinen Freund Werner Bischof, der seine Reportage über
eine Gehörlosenschule an Davis Seymour empfahl. Mit "Science et vie"
wurde er neben Robert Capa, Inge Morath, Ernst Haas und Erich Lessing
1955 außerordentliches Mitglied, 1959 Vollmitglied der legendären
Vereinigung.
Mitte der 50er Jahre begannen seine Reisen nach Ägypten, Kuba, in den
Iran – später folgten als Destinationen Korea, Vietnam, Südamerika,
China und Japan. Burri fotografierte für Magazine wie "Stern", "Paris
Match", "Life" und die "New York Times", erlebte aber in den 70er Jahren
auch den Niedergang der Reportage durch das Fernsehen. Als Schüler von
Hans Finsler wurde er in einer klaren Bauhausästhetik geschult,
durchbrach diese aber schon bald in Richtung einer europäischen Variante
der "Street Photography", in der er formale Strenge mit der subjektiven
Poesie der Autorenfotografie verband.
Picassos Aberglaube
Seine Reportagen zeichnen sich durch Sachlichkeit ohne
Sentimentalität aus. Seine Porträts der ägyptischen Präsidenten Nasser
und Sadat, vor allem aber von der Revolutionsikone Ernesto "Che" Guevara
als Macho mit Zigarre (1963) begleiten unser Geschichtsbild der
Nachkriegszeit.
Mit der Kamera seines Vaters hatte der 13-jährige Burri 1946 Winston
Churchill im vorbeifahrenden Auto bereits perfekt erfasst, zu Picasso
drang er erst nach vielen Versuchen 1957 vor, weil jener in seinem
Aberglauben einen 14. Gast an seinem Tisch benötigte. Burri porträtierte
ihn wie Alberto Giacometti oder den Architekten Le Corbusier mit
Feingefühl, unterließ es aber, Greta Garbo oder den als Gärtner unter
den Kommunisten tätigen letzten chinesischen Kaiser Pu Yi vor die Linse
zu nehmen. Skandalreporter wollte er nicht sein.
Man mag seinen Arbeitsstil janusköpfig nennen, obwohl Burri dieses
Wort zu kurz greift: Je nach Genre – Reportage oder subjektive
Autorenfotografie – nahm er eine andere Kamera; oft trug er mehrere bei
sich.
Für die aktuelle Burri-Schau im Kunst Haus Wien konnte der Kurator
aus wohl 100.000 Negativen wählen: Von vielen existieren nur
postkartengroße Vintage-Prints, also Originalabzüge, die Großformate
wurden in den Vorjahren für die zahlreichen Museumsausstellungen
angefertigt. Neben einer Serie über den Avantgardekünstler Yves Klein
bei der Arbeit mit Modellen sind die 40 Nachtstücke zum legendären
"Northeast Blackout" von 1965 herausragend: An einem Novemberabend fiel
damals in New York der Strom aus, und Burri streifte durch die Nacht der
anonymen Gesichter – in ungewöhnlichen Beleuchtungen mit
Autoscheinwerfern, Taschenlampen, Feuerzeugen und Zündhölzern.
Ein gutes Reportage-Foto zu schießen vergleicht er mit dem Aufwand,
im Stoßverkehr ein Taxi zu erhaschen: Wenn man nicht schnell genug ist,
bekommt es ein anderer. So schwebt Burri im Widerspruch von Spontaneität
und Konzept – eine aktuelle wie sympathische Mischung.
Ausstellung
René
Burri – Fotografien
Hans-Michael Koetzle, Andreas Hirsch
(Kuratoren)
Kunst Haus Wien
bis 20. Februar 2011
Printausgabe vom Samstag, 20.
November 2010
Online seit: Freitag, 19. November 2010 20:03:00
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