Kunst ist geschlechtsneutral, darüber
herrscht Einigkeit. Viele Künstlerinnen reagieren daher allergisch auf das
Wort "Frauenkunst" und stehen reinen Frauenausstellungen skeptisch
gegenüber - aus Angst, in ein Fraueneck gedrängt zu werden. Genauer
nachgefragt, konstatieren viele Künstlerinnen dennoch einen anderen
spezifischen Zugang zur Kunst was Themen, Material oder Interessen
betrifft, wie eine umfassende, noch nicht veröffentlichte Studie des
Frauenministeriums belegt.
Die Deutung des Alltags
Uli Aigner: kochen und schnitzen, 1998 (Zum
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Es gibt zwei
Themen, die sich wie ein roter Faden durch weibliches Kunstschaffen
ziehen: den Körper und das eigene Umfeld von Frauen, meint Ingried
Brugger, die Kuratorin der Ausstellung "Jahrhundert der Frau." Sujets, die
Männer so nicht gemalt hätten. Malten Künstlerinnen um 1900 etwa einen
Besuch bei der Schneiderin oder unprätentiöse Dinge des Haushalts, so
definieren sich auch heute im postmodernen Diskurs Künstlerinnen wie Uli
Aigner über das eigene Umfeld und stellen es in Frage. Was macht unsere
Welterfahrung aus? Wo liegt die Schnittstelle zwischen dem Individuum und
der Welt? Das sind die Fragen, denen Uli Aigner mittels
unterschiedlichster Medien wie Installation, Performance, Video, Zeichnung
oder Fotografie nachspürt. "Wenn ich mich in meiner Arbeit thematisiere,
ist das nur ein Konstrukt von mir selbst, und es geht nie wirklich um mich
in meiner privaten Befindlichkeit. Wenn das Wort "Ich" bei mir vorkommt,
dann ist das "ich" die Schnittstelle zwischen mir und dem Betrachter."
Körpergefühl der Lassnig
Während Maria Lassnig mit ihren Körpergefühlsbildern der 70er Jahre das
Thema Körperbewusstsein ("Auch das Körpergefühl bedarf einer Heimat") in
einer äußerst subjektiven Weise einbringt, ist Valie Export nach wie vor
die österreichische Vertreterin gesellschaftspolitisch motivierter
Kunst von Frauen. "Das Bild des Körpers wurde Ende der 60er Jahre
selbst-bestimmt. Der Körper wurde zu einem zentralen Motiv feministischer
Kunst", meint Export, "zum Instrument einer politischen Aktion." Kiki
Kogelnik, Friederike Pezold oder Birgit Jürgenssen setzen dieses
politische Engagement fort, wenn auch in unterschiedlichen Medien und aus
verschiedenen Blickwinkeln.
Frauenthemen sind passee
Anders die Künstlerinnen der 80er und 90er Jahre, und hier vor allem
maßgebende wie Brigitte Kowanz oder Eva Schlegel. Sie interessieren sich
nicht mehr für feministische Themen, zumindest nicht vordergründig. Dass
die Position der Frau quasi als zweite Ebene trotzdem mitschwingt ist "ein
schönes Resultat der Ausstellung", meint Ingried Brugger.
Ilse Haider ist dafür ein
gutes Beispiel. Ihre Vexierbilder können als Erweiterung des Wandbildes
ins Dreidimensionale gesehen werden, wobei sie Materialien wie
Wattestäbchen oder Wäschekluppen verwendet. Gleichzeitig geht es ihr aber
um Kritik an geschlechtsspezifischen Darstellungen in den Medien: So dient
dem harmlosen Vexierbild ein männliches Pinup als Vorlage.
Jüngste Positionen
In der späten Kunst der 90er Jahre ist er wieder da, der nackte
weibliche Körper. Unverhohlen zur Schau gestellt beispielsweise in den
Selbstportraits von Shooting Star Elke Krystufek. Der Körper ist in der
jungen Kunst von Frauen aber ein Instrument der Bildaussage unter vielen
und für vieles geworden. "Wenn Elke Krystufek sich nackt zeigt, dann nicht
als Mittel zum feministischen Zweck. Es ist ein Gewinn an Freiheit, nicht
auf eine Aussage festgelegt zu werden," schreibt die Kulturpublizistin
Stella Rollig im zur Ausstellung erscheinenden Katalog.
Geschlechtslose Cyborgs
Neben all den renommierten zeitgenössischen Künstlerinnen ist eine
absolute Newcomerin in der Ausstellung vertreten: Andrea Kalteis, Jahrgang
1972. Sie verbindet bewusst moderne Computertechnologie mit traditionellen
Materialien. Ihre androgynen Mischwesen kreiiert sie mittels digitaler
Manipulation am Computer. Das Endprodukt ist aber ein fotografischer
Siebdruck auf Samtuntergrund, einem traditionell weiblich-konnotierten
Material.
Andrea Kalteis: Kakteenköpfe,
1998
"We are all Cyborgs"
Ihr Zugang zur Kunst ist sehr persönlich. Ausgangspunkt ist ihre als
vereinnahmend empfundene Stellung in der Gesellschaft, fühlt sie sich doch
oft selbst wie "eine Schmetterlingspuppe, die sich durch die
gesellschaftlichen Zwänge nie ausleben konnte." In ihren Bildern, denen
immer der eigene weiß geschminkte und fotografierte Kopf als Modell dient,
existiert kein Körper, somit auch kein definierbares Geschlecht. Keine
Gendertroubles. Ihre Mischwesen fühlen sich verletzt, gleichzeitig
schmücken sie sich aber mit ihren Stacheln.