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Kunstberichte

Im Unteren Belvedere läuft die Ausstellung "Oskar Kokoschka. Träumender Knabe – Enfant terrible"

Meisterschaft aus dem Widerspruch

Oskar Kokoschkas bildliche Aufarbeitung einer Trennung: „Der Amokläufer“ (Tusche auf Papier, 1909).  Foto: Galerie und Auktionshaus Wolfdietrich Hassfurther/Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien

Oskar Kokoschkas bildliche Aufarbeitung einer Trennung: „Der Amokläufer“ (Tusche auf Papier, 1909). Foto: Galerie und Auktionshaus Wolfdietrich Hassfurther/Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Diese Ausstellung wird wohl ein Beitrag zur Steigerung der internationalen Wertschätzung Oskar Kokoschkas. Dass sie seine anfänglichen Schwierigkeiten als Maler nicht verleugnet, tut dem keinen Abbruch. Kokoschkas Ausgang von der Kunstgewerbeschule (der heutigen Universität für angewandte Kunst) wird ebenso beleuchtet wie seine kurze Zeit als Assistent bei Anton von Kenner, aber er wird auch mit Vorbildern wie Auguste Rodin in Bezug gebracht.

Vor allem suchte Kokoschka immer Reibungsflächen bei bekannten Kollegen und bei Frauen, die ihn abwiesen. Dadurch stilisierte er sich zeitgeistig zum großen Märtyrerkünstler. Er provozierte und experimentierte. Das geht so weit, dass er sich auf einem erstaunlichen Gemälde als Christuskopf im Schweißtuch der Veronika malte. Oder genauer: Er malte eine verzweifelte Veronika unter mystisch dunklem Himmel mit schwarzer Sonne und zeichnete sich selbst mit dem Pinsel als Christuskürzel in das Tuch.

Übertriebene Selbsteinschätzung und Kränkung liegen nahe beisammen – da spiegelt sich Sigmund Freuds Forschung in den "nervenirrsinnigen" Porträts seiner Zeitgenossen wie Bertha Eckstein-Diener oder Egon Wellesz wider. Der Symbolismus eines Ferdinand Hodler oder George Minne spielte ebenso stark in das frühe Werk hinein wie die Kollegen Gustav Klimt und Egon Schiele. Adolf Loos war Kokoschkas großer Mentor am Weg zum Ruhm.

Als die beiden Konkurrenten starben, wähnte sich Kokoschka in den Zwanzigerjahren als bekanntester Künstler Europas neben Picasso. Doch seine große Liebe zu Alma Mahler war schon 1914 zerbrochen, da er sie wie ein Stalker verfolgte und ihren gesellschaftlichen Ansprüchen nicht genügte. Sie trieb den "Horrortypen" (so Anna Mahler) in den Krieg und heiratete Walter Gropius.

Ekel, Trotz und Hass

Ein großes Kamin-Wandbild aus Alma Mahlers Haus am Semmering konnte wider Erwarten unter Putzschichten gefunden, gerettet und abgenommen werden. Nun wird es, wie auch die Ersatzpuppe für die Geliebte der Schweizerin Hermine Moos, in der Schau präsentiert. Dieses unerotische Weibchen aus Teddybärenfell entsprach keineswegs den Vorstellungen des Künstlers. Dennoch nützte er sie für Gemälde als Hassobjekt. Ekel, Trotz und Hass sind die Leitgefühle auf dem Weg in den Expressionismus. Das zeigt sich schon im Plakat zu seinem Theaterstück "Mörder, Hoffung der Frauen" und später in Grafiken zum Kriegsgeschehen.

Den nach Verwundungen überzeugten Pazifisten zog es nach Dresden, wo er bis zu seiner Flucht vor den Nationalsozialisten als Entarteter der ersten Stunde an der Akademie lehrte. Seine Schüler mussten in fünf Minuten Aquarelle malen, in zwei Minuten eine Zeichnung abschließen: Kokoschka ist der erste, der das Credo der Moderne propagierte: die "Kunst des Verlernens" (Werner Hofmann).

In der Heilanstalt nach dem Lazarett malte er sich 1916 mit den Freunden Käthe Richter und Fritz Neuberger schon als "Auswanderer" in expressivem Farbauftrag – das frühere Doppelbildnis des Kunsthistorikerpaares Erika und Hans Tietze zeigt ihn 1909 noch grafisch in die Farbflächen kratzend wie Edvard Munch. Von lasierend dünnen und leuchtenden Malflächen wechselte er in die Düsternis eines opaken und dichten Farbauftrags. Aus dem symbolistischen Kunstgewerbler war in Dresden endgültig ein wahrer Expressionist geworden.

Linz wird mit einer Ausstellung über die Zeit der "Entarteten Kunst" und der Flucht fortsetzen und das Spätwerk Kokoschkas wird vier Wochen ab April überschneidend in der Albertina präsentiert. Neben Fußball regiert uns also 2008 der ehedem von der Kritik gehasste "Oberwildling".

Kokoschka

Träumender Knabe –

Enfant terrible

Kurator: Alfred Weidinger

Unteres Belvedere

Zu sehen bis 12. Mai

Erz-Expressionist.

Mittwoch, 23. Jänner 2008


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