| Salzburger Nachrichten am 14. März 2006 - Bereich: Kultur
Die frühen Europäer Das Kunsthistorische
Museum Wien richtete aus Anlass der österreichischen
EU-Ratspräsidentschaft eine sehenswerte Sonderschau aus: "Europa ohne
Grenzen" ERNST P. STROBL
Ernst P. Strobl Wien (SN). So da wie sie jetzt da ist, war sie noch nie
da. Die Saliera, Benvenuto Cellinis zurückgekehrtes Salzfass, wird noch
mehr als je zuvor bewundernd umkreist. Sie bildet nicht nur das Zentrum
der Ausstellung "Europa ohne Grenzen" im Kunsthistorischen Museum in Wien,
sie steht auch stellvertretend für das Anliegen und die Ausstrahlung der
46 Exponate aus Kunstkammer, Rüstungskammer und Gemäldesammlung des
Museums. Cellini war ein internationaler Künstler, der internationale
Kunst schuf. Dieser grenzüberschreitende Ansatz trifft auf alles in der
Schau zu, auf Kunst und Künstler, vom frühen 15. bis zum späten 18.
Jahrhundert. "Europa ohne Grenzen" ist anlässlich der
EU-Ratspräsidentschaft Österreichs ab heute, Dienstag, bis 5. Juni zu
sehen. Eigentlich habe man Kunstwerke aus allen 25 EU-Ländern zeigen wollen,
sagte Wilfried Seipel, der Direktor des Kunsthistorischen Museums am
Montag in der Presseführung. Doch bei der Vorbereitung hätten sich bald
die Blickwinkel verschoben, und nun habe die von Karl Schütz kuratierte
Sonderausstellung mehrere Bezugspunkte aufzuweisen. Das künstlerische Erbe
Europas, das in Wien versammelt ist, bezeugt grenzenlose Entwicklungen und
die ungeheure Mobilität einzelner Künstler. Es waren unterschiedliche Gründe, die Künstler bewogen, ihre Heimat zu
verlassen in Zeiten, als Reisen wohl kaum Vergnügen bereiteten. Ein Grund
war, sich weiterzubilden. Zahlreiche Maler zogen im Lauf des 15.
Jahrhunderts in die Niederlande, wo die von Jan van Eyck begründete Kunst
der Wirklichkeitsschilderung die Malerei prägte. Unter dem Eindruck der
Renaissance wiederum zog es die Künstler aus dem Norden nach Italien, das
die Entwicklung der europäischen Kunst dominierte. Der Zug der Künstler in den Süden Albrecht Dürer war der erste deutsche
Maler, der gen Italien zog und - abgesehen von künstlerischen
Fortschritten - auch Erkenntnisse gewann: "Hier bin ich ein Herr, daheim
ein Schmarotzer." Von Dürer ist übrigens eine unbekannte "Junge
Venezianerin" zu sehen. Von Pieter Brueghel dem Älteren bis Peter Paul
Rubens zogen alle Großen aus dem Norden Richtung Süden, um hier die
Klassik zu vervollkommnen. Anziehungspunkte bildeten auch die europäischen Fürstenhöfe, Rubens
wurde sogar selbst zum Diplomaten. Er kam etwa als außerordentlicher
Botschafter Spaniens nach England zu Friedensverhandlungen mit König Karl
I. Hofmaler wiederum wurden als Porträtisten beschäftigt, was die
Ausstellung mit einigen schönen Bildern historischer Persönlichkeiten
dokumentiert. Von Kaiser Karl V., wie ihn Jakob Seisenegger, ein Europäer
aus Niederösterreich, malte, bis hin zu Kaiser Maximilian I. von
Rubens. Allein die Hintergrundgeschichten - der Katalog ist empfehlenswert -
lösen beim Betrachter wohlige Schauer des Authentischen aus. Ein Beispiel:
"Katharina von Aragon", gemalt von Michel Sittow. Das Modell war die
Tochter von Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien, ihre
aufregende Lebensgeschichte gipfelte in der Hochzeit mit Heinrich VIII.
von England. Die Scheidung führte zum Bruch mit der katholischen Kirche.
Der Maler wiederum stammt aus der Hansestadt Reval, heute Tallinn, und war
nach der Ausbildung in den Niederlanden in Spanien, England und Dänemark
tätig. Und das in der Zeit um 1500! Die Internationalität von Kunstgeschichte und Machtverhältnissen wird
wie ein Mosaik einer europäischen Kunstlandschaft deutlich. Man sollte
sich Zeit nehmen für die Ausstellung, die den Besucher mit großen Namen -
von Dürer über Tizian zu Rubens und Cellini - konfrontiert. Staunen kann
über die Vielfalt und Qualität der Exponate, von der astronomischen Uhr
über die Marmorbüste, von der Rüstung bis zum Salzfass.Information:
www.khm.at |