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Heute Kicken, gestern fotografieren

07.05.2008 | 18:36 | NICOLE SCHEYERER (Die Presse)

Der Berliner Fotogalerist Kicken ist während der EM Gast seines Wiener Kollegen Kargl – und zeigt „stark unterbewertete“ österreichische Fotografie um 1900.

Genauso wie im Fußball“, fügt der deutsche Fotogalerist Rudolf Kicken immer an, wenn er die Schreibweise seines Namens erklärt. Aus diesem Vergleich hat sich die Idee zur Ausstellung „Kicken in Wien. Die Weltmeister“ ergeben, die der Wiener Galerist Georg Kargl und sein Berliner Kollege zur Fußball-EM ausgeheckt haben. Gezeigt werden aber keine Klassiker der Sportfotografie, sondern erstklassige Arbeiten um 1900 mit einem Schwerpunkt auf Österreich.

Zu dieser Zeit hätte in der Fotografie durchaus eine Parallele zum Fußball bestanden, bemerkte Albertina-Kuratorin Monika Faber bei ihrer Eröffnungsrede am Dienstag: Die Amateure dieses damals noch sehr teuren Hobbys organisierten sich in elitären Fotoklubs und schrieben internationale Meisterschaften aus. In Amerika engagierte sich besonders Alfred Stieglitz für das junge Medium. 1904 traf er mit Heinrich Kühn zusammen, einem Proponenten des Piktoralismus, also jener Fotoströmung, die mit stimmungsvollen Aufnahmen der Malerei nacheiferte.

„Die österreichische Fotografie ist immer noch stark unterbewertet“, bemerkt Kicken zu den raren, weil großformatigen Bildern Kühns. Während ein Bild Edward Steichens heute 1,5 Millionen Euro kostet, liegen die museumsreifen Landschaften und Frauenporträts von Kühn immer noch bei nur 150.000€. Nicht einmal verschenken hätte er die Fotos seiner ersten Kühn-Ausstellung 1981 können, erinnert sich Kicken. Mittlerweile hat sich die Anerkennung aber stark erhöht. Seine Initialzündung als Galerist erlebte der seit über 30 Jahren in diesem Feld tätige Kicken übrigens Anfang der Siebzigerjahre in der Wiener Fotogalerie „Die Brücke“, wo er auch sein erstes Bild kaufte.

Um einen impressionistischen Effekt zu erzielen, schmierten die Fotografen um 1900 schon mal Fett auf die Linse oder legten Strumpfhosen davor. Den größten Einfluss nahm jedoch die Ausarbeitung: So erzeugt die Entwicklung im Gummidruckverfahren auf Zeichenpapier ein reliefartiges Erscheinungsbild. Wunderbar entfaltet sich die Wellung des feinen Japanpapiers bei Kühns „Drei Frauen auf der Düne“. Letztlich ist jedes Bild der Schau ein Unikat, da die Ausarbeitung nie idente Ergebnisse hervorbrachte. „Hungrige Raben“ hat Rudolf Koppitz zwischen zwei Bäumen gelungen festgehalten, während seine schmale Figurenstudie einer Orientalin wieder in Richtung Symbolismus tendiert.

Zu ihrer Entstehungszeit wurden diese Aufnahmen als neueste Kunst in der Secession ausgestellt, später galten sie nur mehr als „unmoderne“ Fotografie. Und heute liefern sie aus einem puren Namenskalauer heraus die bisher spannendste Ausstellung, die den Wiener Kuratoren und Galeristen bisher zur Fußball-EM eingefallen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2008)


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