Salzburger Nachrichten am 17. Mai 2006 - Bereich: Kultur
"Ich bin kein Jesus-Freak"

Der Karikaturist Gerhard Haderer sagt, er als aufgeklärter Mensch erwarte von der Kirche neue Antworten. Film und Buch "Sakrileg" hält er für nötig. BERTHOLD SCHMID

Berthold Schmid Interview Vor einem Jahr wurde Gerhard Haderer in Athen im Berufungsverfahren vom Vorwurf der Religionsbeschimpfung durch sein Buch "Das Leben des Jesus" freigesprochen. Die Verurteilung in erster Instanz nannte der Karikaturist eine Bedrohung für Künstler und Autoren in ganz Europa.

Haderer sieht Ähnlichkeiten in dem Buch von Dan Brown und seiner Arbeit: Fragen und Kritik müssten in der Kirche möglich sein, und der Dialog sollte neue Antworten bringen. Die SN sprachen mit dem Künstler bei seiner ersten Ausstellung im Linzer Museum Nordico.

Was halten Sie von "Sakrileg"? Ein schlechtes Buch?

Haderer: Nein, ich kenne es. Es ist meiner Meinung nach eine der absolut notwendigen Hinterfragungen von Mythen. So gesehen ist es wichtig. Man hat sich als aufgeklärter Mensch diesem Thema der Religion mit aller Skepsis, aber auch mit aller Offenheit zu stellen. Das macht dieses Buch, und das mache ich im Wesentlichen in meiner Arbeit auch.

Werden Sie den Film anschauen? Haderer: Natürlich werde ich ihn anschauen. Allerdings möchte ich klarstellen: Ich bin kein Jesus-Freak, der mit allem was mit Hinterfragungen von diesem Messias zu tun hat, unbedingt verbandelt sein will. Aber man muss sich das deswegen anschauen, weil ja die Diskussion rundum mittlerweile schon eine Ebene erreicht hat, die wahrscheinlich sogar wichtiger ist wie die filmische Äußerung.

Kirchenvertreter kritisieren, dass in "Sakrileg" Lügen und Verleumdungen enthalten sind. Darf unter dem Titel "Literatur" oder "Film" Unwahrheit verbreitet werden? Haderer: Über den Wahrheitsbegriff zu diskutieren, ist ein weitschichtiges Thema. Meiner Meinung nach ist es notwendig, dass die Kirche auf Fragen des aufgeklärten dritten Jahrtausends neue Antworten formuliert. Und so verwegen es klingen mag, sie hat sich auch neuen Sprachen zu stellen. Und wenn man sich prinzipiell dem Thema Film oder dem Thema Comic - wie in meinem Fall - verschließt, darf man sich nicht wundern, dass die Unvereinbarkeit der Argumente am Ende keinen Dialog mehr zulässt. Das ist problematisch.

Kritiker, wie zuletzt der Kurienkardinal Francis Arinze, sprechen von einer Verunglimpfung der katholischen Religion. Könnten dieses Buch und in weiterer Folge der Film einen gläubigen Christen verletzen? Haderer: Ich mag mich jetzt dazu nicht äußern. Ich kann nur sagen, immer dann, wenn es dogmatisch wird, wenn von kirchlicher Seite eindeutige Verbote ausgesprochen werden, dann hat sich im Nackenhaarbereich des aufgeklärten Kritikers eine Bewegung deutlich zu machen. Da muss man hellhörig werden.

Wo endet für Sie die Freiheit der Kunst? Was darf Kunst nicht? Haderer: Ich definiere das sehr subjektiv für mich. Ich habe bisher noch nie in den 20 Jahren meiner Tätigkeit Gesetze übertreten. Es gibt so was Ähnliches wie einen bürgerlichen Kontext, in dem man sich mit seiner Arbeit aufhält. Den akzeptiere ich - das ist vielleicht etwas überraschend, dass ich das tue.

Aber an diese Grenzen scharf heranzugehen, möglicherweise diese auszuloten, das ist eigentlich die Kunst, das ist dieser Drahtseilakt, den die Künstler zu spielen haben.

Ihr Buch "Das Leben des Jesus", das 2002 erschienen ist, wurde von der Kirche massiv kritisiert. Welche Erinnerung haben Sie?

Haderer: Erinnerung ist zu wenig. Es ist eine Zäsur eingetreten. Ich habe davor und danach nicht erlebt, dass es eine solche Art von Missverständnis, eine Art von Stellvertreterkrieg geben kann, ohne auf den Inhalt zu achten. Ich bin stigmatisiert worden als jemand, der die Religion oder religiöse Gefühle der Christen verunglimpft.

Ich bestehe darauf - und das habe ich vom ersten Moment an getan - dass dies eine Unterstellung ist, die nicht haltbar ist, wenn man das Buch nur drei Seiten lang durchblättert. Aber ich denke, insgesamt hat das wahrscheinlich für die kirchenpolitische Absicht etwas gebracht, weil man Themen in der breiten Öffentlichkeit diskutiert hat, die der Kirche gut getan haben.

Welche Auswirkungen hatte diese Kirchenkritik in der Folge auf ihr Schaffen als Karikaturist und Künstler?

Haderer: Sie hat eindeutig etwas bewirkt. Es wäre jetzt wirklich lächerlich zu sagen, es ist spurlos an einem vorübergegangen. Allerdings: Es hat keine Veränderung meiner Positionen mit sich gebracht.

Ich stehe jetzt gerade in einer Ausstellung, wo ich beweisen kann, dass es wesentlich schärfere Blätter zum Thema Kirche gibt, als das was im "Leben des Jesus" illustriert ist.