Kultur

Kartoffeln und Gemüse in der Computerwelt

07.09.2007 | SN
Wenn Stärke zur Klangskulptur wird: Ausstellung der Preisträger-Werke des diesjährigen "Prix Ars Electronica" in Linz

NIKO WAHL LINZ (SN). Gemüse, Reis und Kartoffelstärke sind unerwartete Zutaten der Ausstellung "CyberArts" im Offenen Kulturhaus Oberösterreich in Linz. Dort sind eine Woche lang (bis 11. September) die mit dem heurigen "Prix Ars Electronica" ausgezeichneten interaktiven Computerinstallationen und Versuchsanordnungen zu erleben.

Wim Delvoyes Maschineninstallation "Cloaca" ist die Nachahmung des menschlichen Verdauungsvorgangs. In verschiedenen kleinen Gefäßen werden die einzelnen Verdauungsvorgänge nachgeahmt, die Maschine selbst wird mit herkömmlichen Lebensmitteln "gefüttert". Anstelle des Darmes tritt eine umfunktionierte Waschmaschine, die durch eine kleine Röhre das Endprodukt ausscheidet.

Während "Cloaca" gleichsam die Maschine im Menschen aufzeigt, sucht die Installation "Autoinducer" von Andrew Gracie nach maschinellen Vorgängen im Ökosystem: Gezeigt wird die computergesteuerte Zucht von Bakterien und deren weitere Wirkung auf eine von Roboterarmen betreute Reisanbaufläche.

Natürliche Materialien sind auch Bestandteile anderer Projekte, bei denen es nicht vorrangig um biologische Vorgänge geht. Der Japaner Yoshimasa Kato verwendet Kartoffelstärke, um Skulpturen zu schaffen. Das Stärkepulver löst er auf und gießt es auf eine Lautsprechermembran. Die Stärke wird durch Schwingungen in Formen gebracht und erstarrt. Kehrt die Membran in den Ruhezustand zurück, verflüssigt sich das Stärkegemisch wieder. Die Skulpturen entstehen durch Klänge, die auf dem Lautsprecher abgespielt werden, und sie existieren nur so lange der Ton erklingt.

Auch die gegenwärtige Politik findet Eingang in den Arbeiten einzelner Künstler: Chmielewski Leons Installation "Seeker" zeigt mittels dreier großer Projektionen die Zusammenhänge zwischen staatlichen Grenzen, umkämpften Rohstoffen und Bevölkerungsbewegungen. An einer Station werden die Besucher eingeladen, ihre familiäre Herkunft mitzuteilen und anzugeben, woher Eltern und Großeltern stammen. Die zweite besteht aus Nachrichtentexten über tödliche Fluchtversuche, und die dritte verknüpft diese Informationen und zeigt Ursachen und mögliche Reaktionen der heutigen Politik.

Die beeindruckendste Arbeit der Ausstellung ist eine Computer/Video-Installation von Julien Maire. Unter dem Titel "Exploding Camera" nimmt dieses Werk Bezug auf die Ermordung eines prominenten Widerstandskämpfers gegen die Taliban, der kurz vor den New Yorker Anschlägen ermordet wurde. Selbstmordattentäter hatten sich als Journalisten getarnt und eine Kameraattrappe zur Bombe umgebaut. Julien Maire hat für die Installation eine Kamera zerlegt und auf die Funktion des Lichtsensors reduziert. Dieser nimmt die Lichteinflüsse des Raumes auf, ein Bildschirm zeigt die so entstehenden Bilder, die wie Lichtexplosionen wirken. Ein Bedrohungsszenario entsteht in unscharfen Bildern und wirkt wie ein Kriegsfilm. Zugespielte Geräusche verstärken den beklemmenden Eindruck dieser gelungenen Installation. Information im Internet: www.aec.at

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