Ausstellung: Chalo! India.
Kastenwesen und Kapital
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Atul Dodiya: "Bloodline from Saptapadi: Scenes from Marriage". Foto: Vadehra
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Vor zwei Jahren wagte sich die Sammlung Essl in Klosterneuburg an
Chinas Gegenwartskunst, nun ist Indien dran. Indien wird als
Gesellschaft im Umbruch zur Wirtschaftsmacht porträtiert,
passenderweise lautet der Titel der Ausstellung "Chalo! India" (auf
Deutsch: "Los geht’s!"). Gerade die junge indische Kunst verweist meist
überaus sensibel, mitunter auch recht plakativ auf die Vor- und
Nachteile dieses Zeitalters der Unsicherheiten hin.
Deutlich
wird überdies, dass für Indiens Künstler Europa nicht mehr als primäre
Orientierungshorizont dient, doch die westliche Medienvielfalt scheint
auch am Subkontinent eine Pflichtübung zu sein.
Vor allem bei den international etablierten Künstlern fallen
indische Einflüsse kaum noch ins Gewicht. Hingegen bauen meist jüngere
Künstler bewusst auf den Traditionen auf oder zitieren kritisch das
verkitschte Image, das viele von ihrer Nation haben; aber auch hier
sind Nationalismen verpönt.
Traum und Wirklichkeit
Die groß angelegte Schau über die indische Kunst von den 60er Jahren
bis heute ist gemeinsam mit dem Mori Art Museum von Tokyo konzipiert.
Auffallend ist die Sorgfalt im Umgang mit den jeweiligen Medien;
besonders die neuen Screens mit Videos und Multimedia zeichnet eine
hohe Qualität aus – scheinbar ist die Computermacht Indien doch kein
Klischee.
Am Eingang zur Ausstellung liegt eine Elefanten-skulptur, die frech
mit einem Netz aus spermienartigen Punkten überzogen ist. Die
Künstlerin Bharti Kher lässt offen, ob die Skulptur auf die erwachende
Wirtschaftsmacht oder vielmehr auf einen Verwundung verweist. Der
Punkt, der in der indischen Kultur auf die jeweilige Kaste hinweist,
ist hier vom Mensch auf das Tier gewandert.
Weiters wird traditionelle Malerei mit italienischer Frührenaissance
gemischt; Filmszenen werden mit Bildern von Gottheiten verquickt, um
etwas über das Bild der Frau von heute auszusagen.
Nikhil Chopra nimmt beispielsweise die koloniale Sicht performativ
ins Visier. Zudem gibt es Künstlerteams und Comiczeichner,
Installationen wie die von Nataraj Sharma oder Anant Joshi nehmen
enorme Ausmaße an. Letzterer weist gekonnt auf die Billigspielzeuge aus
China hin, sie werden als Schattenbild zu einer Art Stacheldraht.
Müllmenschen oder der aussterbende Rikscha-Fahrer werden im
Alltagsleben der Megastädte thematisiert, zuweilen in krasser Form,
aber auch als Traum eines Kindes. Hinweise auf Politik und
Alltagskultur, Bollywood und Mandalas, ein wenig Feminismus und
Body-Painting lassen Authentisches aus Delhi, Mumbai, Bangalore und
anderen Städten spüren.
Ausstellung
Chalo! India. Eine neue Ära der Kunst
Akiko Miki, Günther Oberhollenzer (Kuratoren)
Sammlung Essl, Klosterneuburg,
bis 1. Nov.
Printausgabe vom Mittwoch, 02. September 2009
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