Führt die Finanzkrise zu einer Kulturkrise? Auf Einladung der "Wiener Zeitung" diskutierten Experten
Mündiger gegen die Malaise
|
"Die Kleinen bleiben auf der Strecke": Heide Tenner (Mitte) in einer hochkarätigen Runde. Foto: Robert Newald
|
Von Christoph Irrgeher

Claudia Schmied: Kunst und Kultur könnten Krisen entgegenwirken.

RSO: "Entwürdigende" Situation.
Wien.
Zieht die Finanzkrise auch eine Kulturkrise nach sich? Diese Frage –
und ein hochkarätig besetztes Podium – lockten jüngst zahlreiche
Besucher zu den "Alpbach Talks", die die "Wiener Zeitung" gemeinsam mit
dem Europäischen Forum Alpbach im Unteren Belvedere veranstaltet.
Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) kehrt gleich zu Beginn die
Logik um: Für sie ist die Finanzkrise Ausdruck einer allgemeinen
Kulturkrise. Ein Klima, in dem Oliver Stones börsenkritischer Film
"Wall Street" zum Hohelied auf den Kapitalismus verklärt wurde, habe
die Malaise heraufbeschworen. Dem tritt sie mit ihrer Auffassung von
Kulturpolitik entgegen: "Wir müssen an der Kritikfähigkeit der
Gesellschaft arbeiten, wofür Kunst und Kultur einen wichtigen Beitrag
leisten." Darum müsse "die Kulturvermittlung massiv gestärkt werden".
Bernhard Kerres kann da "gar nicht stärker zustimmen". Der
Konzerthaus-Intendant, wie die Ministerin vormals in der Wirtschaft
tätig, engagiert sich ebenfalls enorm für junge Gäste. Kulturpolitisch
brennt ihm noch ein Thema unter den Nägeln: die Absetzbarkeit von
Spenden und Sponsorgeldern, die derzeit nur in wenigen Fällen möglich
ist. Einem amerikanischen System aber (in dem weniger subventioniert
wird) wirkt Schmied abhold: "Was in den USA ein Erfolg ist, kann bei
uns ein Flop sein."
Dass der heimische Modus operandi seine Mängel hat, veranschaulicht
Christian Scheib: Der Manager des ORF-Radio-Symphonieorchesters ist es
leid, "entwürdigende Mechanismen" zu dulden. Durch die bloße Zusage von
Sponsorgeldern und Subventionen, auf die Budgets bauen müssten, arbeite
man unter halbkriminalisierenden Bedingungen.
Moderatorin Heide Tenner fürchtet noch Schlimmeres: Der Fluss der
Sponsorengelder könnte ausdünnen und nur noch Großveranstaltern mit
entsprechenden Repräsentationsmöglichkeiten zu Gute kommen.
"Krisengewinnler" Kino
Zwar widerspricht Bernhard Kerres dieser naheliegenden Prophetie: Er
kenne auch Sponsoren ohne PR-Bedürfnis. Laut Oscar-Preisträger Stefan
Ruzowitzky zeichnet sich bei den Geldflüssen in Hollywood aber Analoges
ab: Weil nämlich Filmproduktionen jenseits eines
100-Millionen-Dollar-Budgets die größten Gewinnaussichten hätten,
bekämen nun kleinere Studios Probleme. Traditionell sei das Kino aber
ein "Krisengewinnler". Und trotz Unkenrufen sind andere Genres
jedenfalls Krisenignoranten: Das Konzerthaus verzeichnete Zuwächse, die
Einbrüche auf dem Kunstmarkt blieben aus.
Printausgabe vom Mittwoch, 20. Jänner 2010
Online seit: Dienstag, 19. Jänner 2010 17:23:02
Kommentar senden:
* Kommentare werden nicht automatisch veröffentlicht. Bitte beachten Sie unsere Regeln.
Die
Redaktion behält sich vor Kommentare abzulehnen. Wenn Sie eine
Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als Leserbrief in der Druckausgabe
wünschen, dann bitten wir Sie auch um die Angabe einer nachprüfbaren
Postanschrift im Feld Postadresse. Diese Adresse wird online nicht
veröffentlicht.