Mit dem vorzeitigen Abtritt des MAK-Direktors
dürfte der Museumsskandal noch nicht ausgestanden sein
Offene Rechnungen rund um Noever
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Trotz seines Abgangs noch nicht aus der Schusslinie: Peter Noever,
Ex-Direktor des Museums für angewandte Kunst. Foto: apa/Hans Klaus Techt
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Von Christoph
Irrgeher

Rechnungshof
beginnt in zwei Wochen, das MAK zu durchleuchten.

Nach Skandal zeigt der Ex-Direktor mit 220.000
Euro "tätige Reue".
Wien. Für manche ist er immer noch der
Held. Kompromisslos, kantig sei Peter Noever stets gewesen. Und er habe
diese Tugenden auch am Mittwoch an den Tag gelegt. Da gab der – seit
langem befehdete – Direktor des Museums für angewandte Kunst (MAK)
nämlich seinen sofortigen Rücktritt bekannt. Ein Schritt, der angesichts
seines Vertrags umso radikaler wirkte: Noever, seit 1986 Direktor,
sollte Ende 2011 ohnehin das Museum verlassen. Am Mittwoch wirkte jener
Mann, der sich stets inbrünstig für die zeitgenössische Kunst eingesetzt
hatte, dann wie ein Marathonläufer, der Zentimeter vor dem Ziel
freiwillig aufgibt.
Mit dieser Freiwilligkeit dürfte es jedoch nicht weit her sein. Viel
eher dürfte das MAK-Kuratorium den Direktor in die Knie gezwungen haben.
Schon einige Stunden, bevor Noever seinen Abschiedsbrief versandte,
informierte das Gremium das Kulturministerium über den Rücktritt. Wäre
Noever nicht gegangen, hätte sich die Causa auch noch zuspitzen können.
Mit seiner Aufgabe habe der Direktor womöglich eine Aktion des
Kuratoriums vermieden, heißt es aus dem Umfeld des Gremiums.
Reue könnte die Strafe aufheben
Auslöser des Abgangs: Jene Geburtstagsfeiern, die im MAK für Noevers
Mutter auf Museumskosten stattfanden. Diese Feste waren – nebst anderer
Vorwürfe – schon im Herbst Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage,
die der Grüne Wolfgang Zinggl einbrachte. Nachdem daraufhin eine Order
an Noever erging, derlei Kosten nachzubezahlen, und eine
Wirtschaftsprüfung begann, wurden immer höhere Kosten kolportiert. Ging
es erst um vier Feste, waren es letztlich zehn. Und sprach ein reuiger
Noever noch unlängst von 10.000 Euro, die er mittlerweile bezahlt habe,
geht es seit Mittwoch um das Zehnfache.
Allein durch diese Feiern sei dem Museum ein Schaden von 100.000 Euro
entstanden, heißt es aus dem Kuratorium. Grund des Kostensprungs: Neben
den Personal- und Raumkosten sind nun "Unregelmäßigkeiten" bei der
Abrechnung der Catering-Kosten aufgetaucht. Diese Unstimmigkeiten soll
Noever selbst aufs Tapet gebracht haben. Insgesamt hinterlege Noever
220.000 Euro – auch als Sicherheit für jene vertiefende
Wirtschaftsprüfung, die bis Ende März stattfindet.
Diese Zahlung könnte freilich auch Noever helfen. Bekennt er seine
Verfehlungen nämlich, bevor die Behörde davon erfährt, und zahlt den
Fehlbetrag, kann diese "tätige Reue" letztlich ein Strafaufhebungsgrund
sein. Nichtsdestotrotz haben MAK und Kuratorium am Donnerstag Anzeige
erstattet. Über den konkreten Wortlaut herrscht Schweigen.
Direktor als "Big Spender" und Vielflieger
Könnten noch mehr Verfehlungen ans Licht kommen? Wolfgang Zinggl
glaubt schon. Er hat in der Causa auch den Rechnungshof eingeschaltet,
in zwei Wochen soll die Prüfung beginnen. Warum er die Kontrollinstanz
ins Spiel brachte? Weil Zinggl dermaßen viel Kritik über Noever zu Ohren
kam, dass ihm die Sache "über den Kopf gewachsen" sei. Da wären ja
nicht nur die Geburtstagsfeste. Sondern auch Chauffeurskosten und die
Dienstreisen in die USA. Alle drei Punkte werden bei der vertiefenden
Prüfung durch Price Waterhouse Coopers (PwC) noch einmal durchleuchtet.
Wie Zinggl gehört haben will, soll Noever in den USA "den Big Spender
gespielt" haben. Den Ankläger will Zinggl derzeit aber lieber nicht
spielen, sondern abwarten, was der Rechnungshof berichtet.
Deutlich forscher ist da Gabriel Ramin Schor. Der ehemalige
MAK-Mitarbeiter ist jedoch selbst Partei. Noever hat Schor mit der
Redaktion seiner gesammelten Schriften beauftragt; im Vorjahr begannen
die beiden, über die Entlohnung zu streiten. Schor war es dann, der die
Vorwürfe gegen Noever ins Rollen brachte. Für persönliche Projekte
bediene sich der Direktor aus der Museumskasse, behauptete er. Auch
weiterhin ist Schor nicht um Anwürfe verlegen: Mit den Bonusmeilen des
Direktors könne man "mehrere Mondflüge finanzieren" – das sei ein Bonmot
im MAK.
Ministerin Schmied ist "persönlich enttäuscht"
Und folgt man Schor, ist derzeit im Haus eine Noever-Hatz in Gange.
Das Kuratorium hätte den Mitarbeitern erklärt, sie sollten allfällige
Vorwürfe gegen den Ex-Chef bis 22. März melden. Der Sprecher des
Kuratorium-Vorsitzenden Andreas Treichl dementiert: Es hätte allenfalls
einen internen Aufruf zur Kooperation mit den Prüfern gegeben. An
offenen Rechnungen fehlt es also nicht – und das im doppelten Sinn.
Welche davon persönlicher Natur sind und welche tatsächlich das
MAK-Budget belasteten, werden PwC und der Rechnungshof klären.
Kulturministerin Claudia Schmied, die sich über Noevers Fehltritte
"persönlich enttäuscht" zeigt, erwartet sich eine zügige Aufarbeitung
der Affäre.
Auch sie hat allerdings eine Aufgabe, die sie beschleunigt erledigen
will – nämlich die Kür einer neuen Führungsfigur für das MAK. 2012 soll
die neue Leitung ihren Dienst beginnen; wenn es jedoch schon früher
geht, wäre das "eine gute Möglichkeit", sagte Schmied am Donnerstag. Bis
dahin hat die bisherige Vize-Chefin die Leitung inne: Martina
Kandeler-Fritsch, seit 1998 am Haus, seit dem Vorjahr stellvertretende
Direktorin, wird in der Übergangszeit alle geplanten Ausstellungen
stattfinden lassen, wie sie in einer Aussendung mitteilte. Die Wienerin,
Jahrgang 1962, hat den Ruf einer verlässlichen, konzilianten
Teamspielerin. Ob sie es damit zur Direktorin von Dauer schafft – auch
Kandeler-Fritsch hat sich im Rahmen der Ausschreibung um den Posten
beworben –, bleibt abzuwarten. Entscheidend wird allein die Gunst der
Ministerin sein: Wie zuletzt der "Standard" vermeldete, verzicht Schmied
trotz der Fülle von 58 Bewerbungen auf eine Jury. Als aussichtsreiche
Kandidaten gelten unter anderem Kreativ-Agenturchef Christoph
Thun-Hohenstein, Lili Hollein von der Vienna Design Week und
Ausstellungsmacher Christian Witt-Dörring. Zudem kursiert das Ondit,
dass sich Eva Schlegel beworben hat – sie ist zwar Künstlerin, hat aber
Kunsthochschul-Erfahrung und wurde von der Ministerin bereits einmal
gekürt, nämlich zur Kuratorin für den Österreich-Beitrag der
Venedig-Biennale 2011.
Was Schor will, ist jedenfalls keine Fortsetzung der
"absolutistischen" Museumspolitik. Zinggl hält ein "Ende der
Feudalherren" für absehbar – und wünscht dem MAK eine Führungsfigur, die
"besser in der Lage ist, zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre zu
unterscheiden".
Printausgabe vom Freitag, 25.
Februar 2011
Online seit: Donnerstag, 24. Februar 2011 19:08:00