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Vision des Gesamtkunstwerks: Zur Moderne!

24.10.2011 | 17:10 | Von Sabine B. Vogel (Die Presse)

Das Untere Belvedere zeigt den Maler Gustav Klimt und den Architekten Josef Hoffmann als „Pioniere der Moderne“: eine beeindruckende, spannende Präsentation, die nur etwas zu üppig und dekorativ inszeniert ist.

Vierzehn uneheliche Kinder meldeten kurz nach seinem Tod Erbschaftsansprüche an. Drei hatte er zu Lebzeiten anerkannt. Sein Ruf als Verführer war stadtbekannt. Denn Frauen waren für Gustav Klimt, der Zeit seines Lebens bei seiner Mutter lebte, nicht nur Motive, sondern auch Musen. In seinen Gemälden revolutionierte er das Bild der Frau, schuf den Typus der Femme fatale, die Eros und Gefahr verbindet, aber auch der modernen Frau, schlank, mondän, selbstbewusst. Mit diesen Bildern wurde er weltberühmt.

2012: Klimt-Sekt, Klimt-Spaziergang

Nächstes Jahr wäre er 150 Jahre alt geworden – Anlass genug, Klimt in Wien ausgiebig zu inszenieren. Ab Januar werden sich acht Museen mit Sonderausstellungen an „Klimt 2012“ beteiligen, es wird ein „Klimt-Spaziergang“ durch Wien genauso geboten wie Schmuck mit Klimt-Motiven und ein Klimt-Sekt. Selbst in der Pariser U-Bahn werden Klimt-Reproduktionen gezeigt. Während die meisten dieser Aktionen nicht mehr als City-Marketing sind, beginnt das Belvedere schon heuer mit einer Ausstellung, die unseren Blick auf Klimt herausfordert.
Denn Klimt steht nicht als Frauenfreund, auch nicht als Markenname, sondern als Wegbereiter der Moderne im Zentrum der Betrachtung. Gemeinsam mit dem Architekten Josef Hoffmann revolutionierte er die künstlerische Formensprache seiner Zeit. Beide glaubten an ein hierarchiefreies Zusammenspiel von angewandter und freier Kunst. So unterschiedlich die beiden Künstler in ihren Charakteren und Lebensentwürfen auch waren – Hoffmann führte ein bürgerliches Leben, war Freimaurer –  so teilten sie doch die Vision eines Gesamtkunstwerks, von Kunst, die den gesamten Raum umfasst.
Berühmtestes Beispiel: die Beethoven-Ausstellung 1902 in der Wiener Secession. Hoffmann hatte rund um eine Skulptur von Max Klinger Werke von 20 Künstlern zur Neunten Sinfonie gruppiert, als Höhepunkt darüber Klimts Beethoven-Fries. „Moderne Raumkunst“ nannte er diese Form einer gezielten Themenausstellung damals. Man könnte ihn als ersten „Kurator“ bezeichnen.
Diese Ausstellung ist jetzt im Belvedere teilweise rekonstruiert und eine von vielen Nachbauten, mit denen wir auf kleine Zeitreisen geschickt werden. Wenige Räume später stehen wir vor dem originalgetreuen Nachbau des Stiegenhauses des Palais Stoclet, dann vor Klimts Atelier. 1903 hat Hoffmann dieses Atelier mit Möbeln ausgestattet. In der Rekonstruktion zusammen mit dem Porträt von Fritza Riedler sieht Kurator Alfred Weidinger jetzt ein Rätsel gelöst: Das große Rechteck links im Hintergrund ist nicht eine erste abstrakte Form, sondern schlicht der Schrank von Hoffmann. Eine andere kleine Sensation der Ausstellung ist das Porträt von Barbara Flöge, der Mutter seiner langjährigen Freundin Emilie. Das Bild entstand 1915, galt lange als verschollen und ist jetzt erstmals wieder ausgestellt. Direkt daneben hängt die „Sonnenblume“ von 1907, und es wird unübersehbar: Diese Blume ist sein Bild der Frau schlechthin.

„Experimentalboote“

Mit Gemälden, Architekturplänen, eigens angefertigten Modellen, Teppichen und Deckenlampen, maßstabsgetreuen Rekonstruktionen und historischen Dokumenten macht die Ausstellung eines der spannendsten Kapitel der österreichischen Kunstgeschichte anschaulich. Die erstaunliche formale Nähe Klimts zu belgischen Künstlern wie Fernand Khnopff oder Jan Toorop wird überzeugend aufgezeigt, die enorme Bedeutung angewandter Kunst in jener Zeit ist vor allem in den vielen Entwürfen für Kunsthandwerk von Josef Hoffmann für das Palais Stoclet unübersehbar. „Experimentalboote“ nennt Kurator Alfred Weidinger diese Objekte, in denen sich die umfassenden Visionen beider Künstler spielerisch widerspiegeln.
In der Menge der dicht aufeinander folgenden, bühnenhaften Rekonstruktionen allerdings droht der Weg in die Moderne verloren zu gehen. Statt die Entwicklung von den weichen Kurven zu den strengen Linien in Hoffmanns Werk zu betonen, dominiert eine überbordende Üppigkeit der Räume. Das „Weniger-ist-mehr“-Motto der Moderne wird schlicht ignoriert. In diesen Inszenierungen wird Klimts blumenreiche Bildsprache fast zur reinen Dekoration. Aber vielleicht ist der hier inszenierte Kontrast zwischen den materialintensiven Raumbewältigungen und der Suche nach Vereinfachung notwendig, um die Grundlage zu verstehen, auf der die beiden Pioniere ihre einzigartigen Positionen entwickelten.
Bis 4. März 2012.


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