Vierzehn uneheliche Kinder meldeten kurz nach seinem Tod Erbschaftsansprüche an. Drei hatte er zu Lebzeiten anerkannt. Sein Ruf als Verführer war stadtbekannt. Denn Frauen waren für Gustav Klimt, der Zeit seines Lebens bei seiner Mutter lebte, nicht nur Motive, sondern auch Musen. In seinen Gemälden revolutionierte er das Bild der Frau, schuf den Typus der Femme fatale, die Eros und Gefahr verbindet, aber auch der modernen Frau, schlank, mondän, selbstbewusst. Mit diesen Bildern wurde er weltberühmt.
2012: Klimt-Sekt, Klimt-Spaziergang
Nächstes Jahr wäre er 150 Jahre alt geworden – Anlass genug, Klimt
in Wien ausgiebig zu inszenieren. Ab Januar werden sich acht Museen mit
Sonderausstellungen an „Klimt 2012“ beteiligen, es wird ein
„Klimt-Spaziergang“ durch Wien genauso geboten wie Schmuck mit
Klimt-Motiven und ein Klimt-Sekt. Selbst in der Pariser U-Bahn werden
Klimt-Reproduktionen gezeigt. Während die meisten dieser Aktionen nicht
mehr als City-Marketing sind, beginnt das Belvedere schon heuer mit
einer Ausstellung, die unseren Blick auf Klimt herausfordert.
Denn
Klimt steht nicht als Frauenfreund, auch nicht als Markenname, sondern
als Wegbereiter der Moderne im Zentrum der Betrachtung. Gemeinsam mit
dem Architekten Josef Hoffmann revolutionierte er die künstlerische
Formensprache seiner Zeit. Beide glaubten an ein hierarchiefreies
Zusammenspiel von angewandter und freier Kunst. So unterschiedlich die
beiden Künstler in ihren Charakteren und Lebensentwürfen auch waren –
Hoffmann führte ein bürgerliches Leben, war Freimaurer – so
teilten sie doch die Vision eines Gesamtkunstwerks, von Kunst, die den
gesamten Raum umfasst.
Berühmtestes Beispiel: die
Beethoven-Ausstellung 1902 in der Wiener Secession. Hoffmann hatte rund
um eine Skulptur von Max Klinger Werke von 20 Künstlern zur Neunten
Sinfonie gruppiert, als Höhepunkt darüber Klimts Beethoven-Fries.
„Moderne Raumkunst“ nannte er diese Form einer gezielten
Themenausstellung damals. Man könnte ihn als ersten „Kurator“
bezeichnen.
Diese Ausstellung ist jetzt im Belvedere teilweise
rekonstruiert und eine von vielen Nachbauten, mit denen wir auf kleine
Zeitreisen geschickt werden. Wenige Räume später stehen wir vor dem
originalgetreuen Nachbau des Stiegenhauses des Palais Stoclet, dann vor
Klimts Atelier. 1903 hat Hoffmann dieses Atelier mit Möbeln
ausgestattet. In der Rekonstruktion zusammen mit dem Porträt von Fritza
Riedler sieht Kurator Alfred Weidinger jetzt ein Rätsel gelöst: Das
große Rechteck links im Hintergrund ist nicht eine erste abstrakte
Form, sondern schlicht der Schrank von Hoffmann. Eine andere kleine
Sensation der Ausstellung ist das Porträt von Barbara Flöge, der Mutter
seiner langjährigen Freundin Emilie. Das Bild entstand 1915, galt lange
als verschollen und ist jetzt erstmals wieder ausgestellt. Direkt
daneben hängt die „Sonnenblume“ von 1907, und es wird unübersehbar:
Diese Blume ist sein Bild der Frau schlechthin.
„Experimentalboote“
Mit Gemälden, Architekturplänen, eigens angefertigten Modellen,
Teppichen und Deckenlampen, maßstabsgetreuen Rekonstruktionen und
historischen Dokumenten macht die Ausstellung eines der spannendsten
Kapitel der österreichischen Kunstgeschichte anschaulich. Die
erstaunliche formale Nähe Klimts zu belgischen Künstlern wie Fernand
Khnopff oder Jan Toorop wird überzeugend aufgezeigt, die enorme
Bedeutung angewandter Kunst in jener Zeit ist vor allem in den vielen
Entwürfen für Kunsthandwerk von Josef Hoffmann für das Palais Stoclet
unübersehbar. „Experimentalboote“ nennt Kurator Alfred Weidinger diese
Objekte, in denen sich die umfassenden Visionen beider Künstler
spielerisch widerspiegeln.
In der Menge der dicht aufeinander
folgenden, bühnenhaften Rekonstruktionen allerdings droht der Weg in
die Moderne verloren zu gehen. Statt die Entwicklung von den weichen
Kurven zu den strengen Linien in Hoffmanns Werk zu betonen, dominiert
eine überbordende Üppigkeit der Räume. Das „Weniger-ist-mehr“-Motto der
Moderne wird schlicht ignoriert. In diesen Inszenierungen wird Klimts
blumenreiche Bildsprache fast zur reinen Dekoration. Aber vielleicht
ist der hier inszenierte Kontrast zwischen den materialintensiven
Raumbewältigungen und der Suche nach Vereinfachung notwendig, um die
Grundlage zu verstehen, auf der die beiden Pioniere ihre einzigartigen
Positionen entwickelten.
Bis 4. März 2012.
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