| Beliebtes Spielchen "Netzkunstraub" | |
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Von Simon Hadler
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Matthew Mirapaul ist so etwas wie der
gute Onkel der Netzkunstszene. Wohlwollend berichtet er seit 1996 14-tägig
in der New York Times
über die neuesten Entwicklungen im Bereich der "Digital Arts". Diese Woche
aber ist der Onkel böse geworden und erhebt mahnend den Finger. Stein seines Anstoßes: "Gerade jetzt, da die Kunstszene beginnt,
digitale Kunst ernst zu nehmen, hören die Künstler selbst damit auf." Zum
Beispiel, indem sie andere Kunstseiten verbotenerweise kopieren - eine
mittlerweile gängige Praxis unter Netzkünstlern. Documenta X x 2 Der erste aufregende Netzkunstraub fand 1997 statt, als sich die
Documenta X in Kassel pionierhaft und intensiv mit Netzkunst beschäftigte.
Denn bereits wenige Wochen nach Ende der Ausstellung wurde die
aufschlussreiche Documenta-Site grundlos aus dem Internet entfernt. Zu
spät, wie sich herausstellte. Denn der slowenische Web-Aktionist Vuk Cosic
hatte sie bereits vollständig kopiert und veröffentlichte einen Spiegel der
verschwundenen Seiten auf seinem Server. Die rührigsten Kopierer sind heute jedoch zweifellos 0100101110101101.ORG, die in einer spektakulären
Nacht-und-Nebel-Aktion die gesamte, normalerweise nur für zahlendes
Publikum geöffnete Online-Galerie Hell.com
hackten und seitdem, trotz Androhung gerichtlicher Verfolgung, auf ihrem
Server der Öffentlichkeit zugänglich machen (hier geht's zum Spiegel). "Nur Originale sind aktuell" Ihre aktionistische Kritik an der "Verkommerzialisierung" der Netzkunst
wiederholten 0100... mit Olia Lialinas Verkaufsgalerie art.teleportacia.
Lialina zeigt sich in einem E-mail an die Mailing-List nettime wenig beeindruckt:
"Du kannst die Galerie hundert Mal kopieren. Aber bereits am nächsten Tag
hast Du nichts als veraltete, nicht weiter aktualisierte, tote Seiten mit
nicht mehr funktionierenden Links, da ich nur das Original update. Es gilt
für alle Online-Kunst: Nichts ist jemals komplett, alles kann sich jeden
Moment ändern. Und dieser Moment ist der Unterschied zwischen Kopien und
Originalen." Nichts desto trotz wird im Netz munter weiter dupliziert. 0100...
kopieren und verändern die Vatikan-Seite. Der Vatikan schnappt ihnen die Netzadresse
www.vaticano.org weg. 0100... protestieren und laden die Fake-Site auf ihren eigenen Server. Wie Du mir, so ich Dir, Du mir, ich Dir... Plagiarist.org
(Kopierer-Konkurrenz) kritisieren 0100... und kopieren deren Seite.
0100... ihrerseits kopieren die Plagiarist.org-Seite (die ihre eigene
beinhaltet) und fordern plagiarist.org heraus, zurückzukopieren... Das
Spiel würde wohl ewig so weitergehen, wäre unbeschränkt Server-Platz
vorhanden. Matthew Mirapaul jedenfalls seufzt angesichts des kindischen Treibens
und hofft: "Das Internet ist wirklich das wichtigste Medium unserer Zeit.
Vielleicht kommen uns im nächsten Jahr neue Ideen, was man damit anfangen
kann." Links: Mathew Mirapauls Kolumne http://www.nytimes.com/library/tech/reference/indexartsatlarge.html.
Aktuell: The Latest in Digital Art: Stunts and Pranks RTmarks Vaticano-Protest-Seite Interview mit 0100... in Telepolis Rewired-Artikel über die Documenta X-Aktion Vuk Cosics | ||