Belvedere-Orangerie: Messerschmidts Charakterköpfe in Konfrontation mit Tony Craggs Kopf- und Körperstudien
Verlust des Porträts an die Werbung
|
Eine Messerschmidt-Skulptur neben einem Werk von Tony Cragg. Foto: Belvedere, Wien
|
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Eigentlich verbindet Künstler Tony Cragg nur
grundsätzliche Fragen der Bildhauerei mit dem barocken Bildhauer Franz
Xaver Messerschmidt. Er kannte dessen Charakterköpfe vom Ende des 18.
Jahrhunderts seit Studienzeiten von Abbildungen. Den Originalen
begegnete er vor wenigen Monaten, als eine Konfrontation der beiden
Werke bereits angedacht war.
Für die Serie der Interventionen im Belvedere gab Norman Foster
Agnes Husslein-Arco die entscheidende Anregung. Cragg interessierte
sofort die Tatsache, dass Messerschmidt schon bekannte Zeitgenossen wie
Arnulf Rainer, Cindy Sherman oder Bruce Nauman zu Reaktionen
herausgefordert hatte.
Der Künstler aus Liverpool, der in Wuppertal lebt und in Berlin und
Düsseldorf lehrt, kann mit dem Ergebnis zufrieden sein. Kurator Jon
Wood vom Henry Moore Institute hat den seit der Antike bekannten
"Paragone" – den Wettbewerb zwischen Künsten, Künstlern und
verschiedenen Zeiten – wiederbelebt. Ein komplexes Unterfangen, das
ohne Beschriftungen im "white cube" der Orangerie hohe ästhetische
Wirkung erzielt.
Wahrnehmungs-Schule
Während Messerschmidt die aus dem Inneren des Menschen in die Mimik
gespiegelten Affekte präsentiert, ähnlich den Wissenschaftern Johann
Caspar Lavater und Franz Anton Mesmer in seiner Zeit künstlerisch die
Psychologie vorwegnimmt, beschäftigen Cragg zeitgemäße Strömungen.
Das Porträt an sich sieht er längst an die Werbung verloren
gegangen. Man könnte Paul Virilios Beschleunigungstheorien in
Verbindung bringen, aber auch die Veränderungen unserer Welt durch
Computer und neue Medien.
Die Gesichter des bekanntesten britischen Bildhauers haben sich in
reine Andeutungen von Realem in einer bewegten, geradezu verzerrten
Oberflächenstruktur gewandelt. Es bleibt aber offen, ob sie außen
sichtbare Nervosität meinen.
Vergleichbar sind die Gesichter fast mit Anamorphosen der
Renaissance, jenen perspektivischen Verzerrungen, die mittels eines
spiegelnden Zylinders erst lesbar sind. Innerhalb des barocken Rahmens
ist aber auch an die Faltung als von Gilles Deleuze entdecktes
Leitmotiv dieser Epoche in Craggs Oberflächen zu denken. Sie
korrespondiert mit den aus extremen Nöten entstehenden Gesichtsfalten
in Messerschmidts Typenkatalog.
Eine wahre Schule bildhauerischer Fragen für die Wahrnehmung durch
die Betrachter von der klassischen bis zur aktuellen Funktion tut sich
auf.
Tony Cragg vs. Franz
Xaver Messerschmidt
Orangerie im
Unteren Belvedere
Kuratoren: Jon Wood,
Michael Krapf
Bis 25. Mai
Ort des Denkens.
Montag, 28. Jänner 2008
Kommentar senden:
* Kommentare werden nicht automatisch
veröffentlicht. Die Redaktion behält sich vor Kommentare abzulehnen.
Wenn Sie eine Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als Leserbrief in
der Druckausgabe wünschen, dann bitten wir Sie auch um die Angabe einer
nachprüfbaren Postanschrift im Feld Postadresse. Diese Adresse wird
online nicht veröffentlicht.