Ein zeitgenössischer Totentanz: das „Party“-Gemälde von Terry Rodgers – zurzeit in der Kunsthalle Krems zu sehen. Bild: Kunsthalle Krems
OÖN: Angesichts der von vielen nackten Brüsten geprägten PR-Sujets zur aktuellen Ausstellung mit Werken aus der Olbricht-Collection könnte man Ihnen jetzt aber schon eine spekulative Ader vorwerfen… „Sex sells“ als Strategie…?
Wipplinger: Eigentlich überwiegt in der Ausstellung das Thema des Todes. Abgesehen davon ist das „Party“-Gemälde von Terry Rodgers für mich eine Art zeitgenössischer Totentanz. In der Ausstellung hab ich es auch Werken des deutschen Expressionismus gegenübergestellt. Etwa den „Drei Grazien“ von Otto Dix, diesen heruntergekommenen Prostituierten, die er da aquarelliert hat. Das ist meiner Meinung nach eine gute Partnerschaft zu dieser dekadenten Partyszene von Rodgers, dessen Leute ja nicht wirklich glücklich dreinschauen.
OÖN: Was aber beim Blick auf das Bild nicht unbedingt der erste Eindruck ist...
Wipplinger: Nun ja. Es mag für die Öffentlichkeitsarbeit der Fokus vielleicht auf dem Sexuellen liegen, aber wir brauchen natürlich auch viele Besucher.
OÖN: Würden Sie den Sammler Thomas Olbricht, einen Essener Arzt und ehemaligen Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Wella AG, als lustbetonten Menschen bezeichnen?
Wipplinger: Ja. Olbricht ist ein Mensch, der sich mit großer Neugier und Wissensgier in die Kunst hineinstürzt. Er ist genauso fasziniert an der Kunst von Wunderkammer-Objekten wie von Dürer-Grafiken – zwei davon sind in der Ausstellung –, auch von Goya-Grafiken – da zeigen wir den ganzen Desastre-Zyklus – und an Zeitgenössischem, das manchmal sogar in den Kitsch kippt.
OÖN: Kitsch hat ja eben auch viel mit Gefühl zu tun.
Wipllinger: Genau. Olbricht ist selbst ein sehr emotionaler Mensch. Wenn ihm etwas aus dem Bauch heraus gefällt, dann erwirbt er das, und es ist ihm gleichgültig, ob das jetzt ein großer Name oder irgendein No-Name ist, den er in einer Off-Galerie in New York gefunden hat. Er baut seine Sammlung nicht nach marktstrategischen Gesichtspunkten auf, und genau das macht für mich diese Sammlung so spannend. Und so ist auch die Linie der Ausstellung angelegt, dass wir hehre Meisterwerke jungen Unbekannten gegenüberstellen, dieses dialogische Prinzip zwischen Alt und Neu zelebrieren.
OÖN: In den ausgewählten Arbeiten scheint sich das Lustempfinden auf Liebe, Sex und Erotik zu konzentrieren. Was bedeutet für Sie Lebenslust?
Wipplinger: Für mich hat das viel mit guten Gesprächen mit interessanten Menschen zu tun, um Dinge vielleicht wieder anders wahrnehmen zu können. Auch die Lust an der Wissenserweiterung, am Begreifen und Verstehen des Lebens. Und damit sind wir auch wieder bei der Kunst, die für mich eine sehr schöne Methode ist, etwas über das Leben und sich selbst zu erfahren, weil sie sich mit den essentiellen Bereichen des Lebens auseinandersetzt. In der Ausstellung thematisieren wir das anhand der Eckpfeiler Tod und unterschiedliche Formen von Liebe. Mutterliebe, Eigenliebe, narzisstische Liebe, homoerotische Liebe, Begierde, Leidenschaft et cetera. Zwischen Eros und Thanatos. Zwischen Lust und Totentanz.
OÖN: Und wo steht der Tod in Ihrer Lebensphilosophie?
Wipplinger: Ich fühle mich jetzt nicht so alt, um mich genauer damit auseinanderzusetzen, aber gerade in der Arbeit mit dieser Ausstellung stellt man sich schon die Frage über das Verstreichen der Zeit, über die Endlichkeit. Da streicht man schon durch die Räume und wird philosophisch.
OÖN: Warum werden eigentlich Gestorbene bzw. deren Skelette, die doch grundsätzlich unbeweglich sind, mit dem Begriff „Totentanz“ assoziiert?
Wipplinger: Die Geschichte des Totentanzes kommt ja aus dem 15. und 16. Jahrhundert, aus dieser Pestzeit, wo der Tod allgegenwärtig war. Außerdem hatte man damals einen ganz anderen Zugang zum Sterben, es war noch nicht so tabuisiert. Der Totentanz war eine spielerische, ja fast persiflierende Umgangsweise mit diesem Thema. Und das zieht sich – wie man auch jetzt bei uns sehen kann – bis in die Gegenwartskunst. Diese Gleichstellung aller im Tod, durch den Tod hat immer Gültigkeit. Der Tod tanzt mit jedem von uns.
OÖN: Sie zeigen in Krems 250 Werke aus der ca. 3000 Arbeiten umfassenden Kollektion. Gibt es ein Werk daraus, das Sie sich aussuchen würden, wenn Sie das könnten?
Wipplinger: Zwei. Ein altes und ein neues. Da gibt es eine ca. 15–20 cm große Contrefaitkugel aus dem 18. Jahrhundert, ein kunsthandwerkliches Meisterwerk aus Elfenbein, wo 22 Kugeln ineinander herausgeschnitzt sind. Ein Wunderwerk mit allen Insignien der menschlichen Existenz.
Das Zeitgenössische ist die Hieronymus-Bosch-Paraphrase von Antoine Roegiers. Ein 11-minütiges Video über die Versuchung des heiligen Antonius, wo das skurrile Bosch-Triptychon wirklich zu leben beginnt und sich mit Heutigem – etwa Flugzeugen – vermischt. Das fasziniert mich, dieses Aneignen von Vorhandenem, Bekanntes neu zu interpretieren.
OÖN: Gibt es unter den gezeigten Arbeiten auch eine, vor der Ihnen graust bzw. gruselt?
Wipplinger: Ja, durchaus. Ein ziemlich heftiges Werk ist für mich ein 1,2 Tonnen schwerer Bronzeguss der Chapman-Brüder. Eine ungefähr zweieinhalb Meter hohe Paraphrase auf Goyas Baum der Gehenkten. Und das ist so akribisch naturalistisch ausgearbeitet. Da hängen die Skelette wirklich an diesem Baum, und die Würmer und die Schnecken und die Kröten machen sich daran, den Körper zu zerfressen. Das ist schon sehr gruselig. Da wird einem die Vergänglichkeit auf eine sehr radikale Art und Weise vor Augen geführt...
Info: „Lebenslust und Totentanz“ bis 7. November; www.kunsthalle.at