„Das ist der Klang solcher Kleinstädte“
Provinz. Thaddaeus Ropac sprach mit den SN über Widerstände gegen die Moderne, Kuhglocken, Kleinstädte und einen Lichtblick namens Young Directors Project.
BERNHARD FLIEHERLENA SCHOLZ SALZBURG (SN). Thaddaeus Ropac begann in einer kleinen Galerie im Salzburger Kaiviertel Kunst auszustellen. Das war 1983. Mittlerweile gehört der 51-Jährige zu den wichtigsten Galeristen der Welt. Der gebürtige Klagenfurter hat neben zwei Ausstellungsräumen in Salzburg auch eine Galerie in Paris, wo er – wenn er nicht auf der Suche nach neuer Kunst oder Kunstmessen und Auktionen in aller Welt unterwegs ist – den Großteil des Jahres lebt.
Die Sommermonate sind für Salzburg reserviert. Hier ist er Gastgeber illustrer Künstlerrunden. Seit zehn Jahren fungiert Thaddaeus Ropac als Juror beim Young Directors Project (YDP) der Salzburger Festspiele.
Herr Ropac, Sie sind zehn Jahre, also von Beginn an, beim Young Directors Project als Juror dabei. Können Sie sich noch an alle Produktionen erinnern? Ropac: Ich erinnere mich sicher nicht an alle Produktionen, bei Weitem nicht. Aber ich erinnere mich schon an einige, die mich geprägt und begleitet haben und besonders wichtig für mich waren.Welche Produktionen sind Ihnen denn am stärksten in Erinnerung geblieben? Ropac: Ich erinnere mich an einige Produktionen besonders, weil sie aus der reinen Theaterlandschaft in ein völliges Experiment hinausgingen und sich schon mit der Kunst getroffen haben. Zum Beispiel WMF (Wiedersehen macht Freude) im Jahr 2007, oder auch 2009 die Performance von Dries Verhoeven, die es geschafft hat, das Publikum wirklich hineinzuziehen und zu involvieren.Wie sind Sie denn zum Young Directors Project gekommen? Ropac Über Jürgen Flimm, der das Young Directors Project einführte, als er Schauspieldirektor war und den ich durch eine gemeinsame Ausstellung über Joseph Beuys kannte.Bei Joseph Beuys machten Sie einst ein Praktikum. Welche Rolle spielte er für Sie im Verständnis von Theater? Ropac: Für mich ist er einer der großen Erfinder in den 1970er-Jahren. Besonders fasziniert haben mich damals seine Performances. Theaterstücke kann man sie ja nicht nennen, das waren aufgeführte Skulpturen. Die Performance, also der Akt als Kunstakt und nicht als reines Theaterstück, war für mich eine sehr vertraute Kunstform.Zu Beginn bot das YDP allerdings recht konventionelle Theaterformen. Nun kommen Elemente der bildenden Kunst immer öfter auf die Bühne. Ropac: Ich behaupte das Gegenteil. In Salzburg wird das viel zu wenig gemacht. Ich habe nie verstanden, dass das nicht mehr möglich war. Es ist nicht so, dass Desinteresse bestanden hätte. Ich durfte viele Projekte begleiten, die dann leider nichts geworden sind. In meinen knapp 30 Jahren hier in Salzburg bin ich immer überrascht, wie getrennte Wege die bildende Kunst und die Theaterwelt gehen.
Wo es expressiver und experimenteller wird, gibt es Themen, die auf der Bühne und in der bildenden Kunst dieselben sind. Trotzdem bleiben es Parallelwelten, die sich nicht treffen und sich nur selten annähern. Die Salzburger Festspiele wären aber der Idealplatz dafür! Ich habe nicht verstanden, dass wir da keine größere Bühne gefunden haben. Momentan spürt man – im Young Directors Project wird das immer wieder deutlich – eine Grundtendenz, die Zuseher in die Inszenierung mit einzubeziehen und die Grenze zwischen Bühne und Publikum aufzulösen. Ropac: Früher hat man Kunst gemalt, ins Museum gehängt und ist durch die Hallen spaziert. Im Theater war man allein gelassen und trotzdem persönlich konfrontiert. Inzwischen wird aber auch Kunst gemacht, um die Menschen zu integrieren.Wenn Sie Ihre zehn Jahre als YDP-Juror Revue passieren lassen: Was bedeutet denn das YDP für die Salzburger Festspiele und auch für die Stadt Salzburg? Ropac: Für die Festspiele ist es, wie Jürgen Flimm das einst gesagt hat, eine „Schmuddelecke“. Das sollte es sein, und in sehr positivem Sinn ist es das auch.Und für die Stadt? Ropac: Für die Stadt Salzburg war das YDP nicht ganz so ungewöhnlich. Es gab die Szene Salzburg, die seit Jahrzehnten ähnliche Tanz- und Theaterproduktionen organisiert hat. Es ist ja nicht so, dass hier nur die Kirchenglocken und die Musikkapellen durchmarschieren, wenn die Festspiele gerade nicht stattfinden. Hier gibt es schon eine gewisse Tradition des Undergrounds.
Das YDP ist aber in Konkurrenz getreten mit Festivals wie der Szene und hat ein unglaubliches Publikum gefunden. Die Produktionen sind ausverkauft. Sie sind erschwinglich. Sie übertönen zwar nicht die Kirchenglocken, haben mir aber ein sympathisches Salzburg-Bild gegeben.
Auffallend ist, dass das offenere und jüngere Salzburger Publikum überdurchschnittlich viel in das YDP gegangen ist. Hier gehen mehr Leute rein als in „Macbeth“! Wenn man in einer Produktion war, kannte man die Leute im Publikum vom Stadtbild her. Dieses Festival im Festival hat sich, wie weniges der Erneuerungen, an das Stadtbild angepasst und wird von einem speziellen Publikum, das vor Ort ist, getragen. Das ist eine positive Entwicklung – im Vergleich zu den teilweise ernüchternden Diskussionen, die hier über die Salzburg Foundation, über alles Moderne geführt werden. In Salzburg gibt es eine konservative Schiene, die erschreckend ist. Haben Sie das Gefühl, diese konservative Grundhaltung richtet sich grundsätzlich gegen jede Art der modernen Kunst? Oder wird aus touristischen Aspekten eben alles auf Bewahrung zugeschnitten? Ropac: Nein, das ist viel reaktionärer. Das Bewahren ist ja eine Sache. Ich muss sagen, dass mich die vielen Äußerungen zur Moderne ein bisschen entfremdet haben.
Ich habe das früher nicht für möglich gehalten, weil ich Salzburg immer als wirklich offene Stadt empfunden habe. Sie gehören zu den wichtigsten Galeristen der Welt, haben hier in Salzburg begonnen. Wie sehen Sie Ihre Rolle in Salzburg? Ropac: Wenn sich nach 30 Jahren im Verständnis der modernen Kunst nicht so viel verändert hat, fühlt man sich da nicht so bedeutend. Das klingt, als würden Sie überlegen, Salzburg den Rücken zuzukehren? Ropac: Nein, dafür liebe ich Salzburg zu sehr. Man darf nicht zu hart sein. Die Stadt war immer konservativ. Und das ist ja auch der Klang solcher Kleinstädte. Das wird sich vielleicht irgendwann ändern. Als ich hier begonnen habe, hat es die moderne Kunst hier einfach nicht gegeben. Inzwischen haben wir ein erfolgreiches Museum. Trotz aller Widerstände und Proteste wird moderne Kunst aufgestellt, in das Stadtbild integriert.
Wahrscheinlich sind die Stimmen derer, die dagegen sind, nur viel lauter als die Stimmen derer, die dafür sind. Schlimmer ist für mich, dass die Politiker nicht nur einfach kein Interesse daran haben, sondern den Künstlern auch noch mit Mist hinterherlaufen – etwa beim Abgang der Berliner Philharmoniker von den Osterfestspielen. So etwas liegt einfach zwischen Provinzposse und Künstlerbeschimpfung.Wie wurde denn das YDP von politischer Seite aus wahrgenommen? Ropac: Zum Glück haben die meisten Politiker das nicht wahrgenommen. Da konnten sie nichts kaputt machen. Es war ihnen zu wenig wichtig. Das war zu „sophisticated“ und hatte zu sehr seinen Bereich und sein eigenes Publikum. Es hat nie darunter gelitten. Im Gegenteil: Das YDP versammelt das Salzburg, das nicht für das erzkonservativ Reaktionäre steht. Die Festspiele bekommen nächstes Jahr eine neue Intendanz. Das YDP geht jedenfalls bis 2014 weiter. Bleiben Sie auch an Bord? Ropac: Das wird jedes Jahr neu entschieden. Ich habe keinen Dauersitz dort. Ich würde mich sehr geehrt fühlen und freuen, aber wenn ich nicht mehr gefragt werde, werde ich nicht mehr gefragt.




















