Venedig im Schleudergang
Von Claudia Aigner
Künstler sind schließlich auch nur Menschen, Kaffeetrinker
und Waschmaschinenbesitzer. Wenn Johann Klinger diesen Menschenschlag mit
seinem Fotoapparat heimsucht, weiß er seine Anwesenheit vor Baresch bis
Zens entweder gut zu verbergen. Oder seine "Models" merken nach einer
gewissen Zeit einfach nicht mehr, dass er da ist. Vielleicht weil er nicht
so aufdringlich wie Karl-Heinz Böhm alias "Peeping Tom" ist und seinen
Modellen nicht dermaßen indiskret zu Leibe rückt, dass er sie schon mit
seinem potentiellen Kamerastativ aufspießen kann. Bobby Pick hätte er
freilich locker den Zucker reichen können (weil er mit ihm am selben
Kaffeehaustisch gesessen hat). Zu den "Fotos aus dem Atelier", die
präzise, aber keineswegs "keimfrei" sind, gesellen sich in der Galerie
Tiller & Ernst (Grünangergasse 6) noch bis 24. August aktuelle
Arbeiten der Porträtierten. Daraus ergeben sich subtile und deftigere
Bezüge. Rudolf Hradil hat unübersehbar eine Waschmaschine im Atelier
stehen. Ob es etwas zu bedeuten hat, dass man daneben ausgerechnet eine
Venedig-Szene gehängt hat (weil in Hradils Atelier die Wäsche in der
Waschlauge ertrinkt, während die "Hydrokultur" Venedig dem Untergang
geweiht ist)? Wahrscheinlich nicht. Der Blick durchs Bullauge einer
Waschmaschine (am besten beim Schleudergang) hätte ja bestenfalls
frappierende Ähnlichkeit mit einem Tornado in Venedig. Und wenn man sieht,
wie Herwig Zens mit der Heftklammerpistole herumwirtschaftet (beim
Versuch, die Leinwand auf den Keilrahmen zu tacken), erinnert das ein ganz
klein wenig an Buster Keaton als Häuslbauer (seiner Bretterbude gab ja
dann ein hineindonnernder Zug den Gnadenstoß). Der Zens hat seine Leinwand
dann aber wohl doch noch hingekriegt und nicht auf die Geleise legen
müssen, zumindest wenn es die selbe ist, auf die er die "Muse des
Architekten" gepinselt hat. In gewohnt bravouröser "Schlampigkeit".
Helga Petrau-Heinzel lässt ihre originellen lebensgroßen Figuren aus
Papiermaschee am "richtigen" Leben teilhaben. (Klingers Kameraauge hat
eine schwelgerische Dame jedenfalls auf der Couch der Künstlerin
erwischt.) Was trotzdem nicht heißen soll, dass man mit dem ausgestellten
Papiermaschee-Schuh jetzt unbedingt Aschenputtel spielen soll. Peter Sengl
ist mit einem seiner typischen dekorativ-sadistischen Gemälde vertreten,
nämlich einem Hund, der jetzt nicht mehr glaubwürdig Gassi gehen kann,
nachdem er anscheinend einem Heimwerker in die Quere gekommen ist, der
gerade ein Ikea-Möbelstück patschert zusammengezimmert und den Hund gleich
mit hineingeschraubt hat. (Eine Alternative zum Leinenzwang.) Auf Klingers
Foto zündet sich Sengl eine Zigarette an, während seine künstlerisch nicht
weniger aktive "Lebensabschnittspartnerin" Susanne Lacomb am anderen Ende
des Zimmers Zeitung liest. Szenen einer Künstlerehe? Eine reizvolle Schau.
Erschienen am: 02.08.2000 |
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