Zu Fuß zu gehen, ist ja wirklich eine Zumutung. Der zivilisierte
Bergsteiger, der sich nicht mehr zum Sklaven seiner unteren Extremitäten
erniedrigen lässt, erklimmt seine Berge sitzend. Der fährt mit dem
Sessellift zum Gipfelsieg. (Oder mit dem Zug, der schönbrunngelb angemalt
ist und höhenmeterverachtend den Gloriettehügel bezwingt wie Reinhold
Messner den Mount Everest. Aber wieso werden an die Fahrgäste, diese
Sitzhelden, die mit nimmermüden Ärschchen der Steigung im Schönbrunner
Schlosspark trotzen, bei Fahrtantritt keine Sauerstoffgeräte
ausgegeben?)
Galerie Kargl: Wer behelligt denn noch die Beinmuskeln?
Ja, eine neue Volksfrömmigkeit breitet sich aus, ein Kult um die träge
Masse, ums Gesäß. Der Mensch folgt seinem Hinterteil (und nicht umgekehrt)
und das zieht’s stets nach unten. Immer der Erdbeschleunigung entgegen.
Sitzen ist eine religiöse Handlung. Vom Relax-Sessel aus, der unsern
zentralen Körperteil verherrlicht (und immer mehr Stühle sind nicht
einfach Sitzgelegenheiten, sondern Apotheosen des Sitzfleischs), können
die Jünger des Popos fast die komplette Welt erreichen und beherrschen.
Per Fernbedienung oder Mouse-Klick. Nur der ferngesteuerte Kühlschrank,
der das Essen apportiert, ist noch nicht ganz ausgereift.
Doch ist die
Sitzfleischeslust nicht eigentlich eine Todsünde (die Trägheit, die
neuerdings euphemistisch „Bewegungsmangel“ heißt)? Na ja, wer ohne Hintern
ist, werfe den ersten Sessel!
Die Gotteshäuser sind ja auch keine Fußgängerzonen mehr. Jedenfalls die
Drive-in-Kirchen. Und es tät mich nicht wundern, wenn man alle andern
Kirchen, die also keine Parkplätze für Autos sind, notdürftig nachrüsten
würde und wenigstens ein Förderband einbauen würde, auf das sich die
Gläubigen, die zum Abendmahl wollen, nur draufstellen müssen wie
Mineralwasserflaschen, die feierlich zur Kassa fahren (der Mensch besteht
ja zu mindestens 60 Prozent aus Wasser).
Oder wenn zum Abschreiten der Kreuzwegstationen in der Kirche ein
Golgatha-Express angeschafft würde (vom Nitsch entworfen, in rötestem
Prinzendorf-Rot, weshalb der Zug für den Volksmund sicher bald „die
Blutwurst“ wäre), mit 14 Haltestellen, wo die Bahn kurz in Andacht
verharrt. Und den Beichtstuhl erreicht man mit der Rikscha.
Das wäre nur konsequent. Aber ein Kriegsflugzeug im Haus Gottes? Ein
Domizil der Nächstenliebe als Luftwaffenstützpunkt? Da es sich freilich um
die Große Moschee in Cordoba handelt, die brutal in eine Kirche
umfunktioniert worden ist und vor ihrer Erbauung selber eine christliche
Kirche ruiniert hat (und früher stand da sogar ein heidnischer Tempel), da
also immer ein transzendentales Griss um diesen Ort gewesen ist und
besagtes Fluggerät auch noch dermaßen fest in der Bausubstanz steckt,
nämlich von den Säulen aufgespießt wird wie ein Insekt in einer
entomologischen Sammlung, hab’ ich so einen Verdacht.
Weil auch Artus keinen Waffenschein gebraucht hat
Könnte das eine Probe sein wie mit einem gewissen Schwert in einem
Felsbrocken? Wer das Flugzeug aus der Architektur herausfliegen kann, wird
der Herrscher über den Luftraum. Der hat die religiöse Lufthoheit. Und
seine Religion wird Staatsreligion. Und der Auserwählte braucht nicht
einmal einen Pilotenschein. Artus hatte ja auch keinen Waffenschein.
Interessante Fantasie. Trotzdem hat bloß Martin Dammann die
Flugmaschine dort abgestellt. Und nicht einmal mit den Signalfähnchen der
Fluglotsen hineingewunken ins schwierige Gelände, sondern mit einem Ding
namens Photoshop. Eine Fotomontage also. Die hier ein
Verwüstungsinstrument bannt. (Im spanischen Bürgerkrieg wurde ja auch
diese Stätte bombardiert.) Krieg, Zerstörung, kinetische Energie und die
Auflösung der Bilder ziehen sich überhaupt durch die sehr stimmige
Schau.
Das Video „Abgang“ entsorgt die heile Eigenheim-Welt. Ein Modell davon
wird aus dem vierten Stock geworfen, zerfällt im freien Fall, beobachtet
von einer Kamera an einem Bungee-Seil. Irritierende, beinah atemberaubende
Bilder (aber den Ton hat Dammann wohl einfach dem Zufall überlassen, also:
ein Buhruf für ihn). Dann tritt der Blick wieder in die Wohnrealität ein,
zwischen Wohnbunkern.
Ecce Foto: Aufklärungsfotos aus dem zweiten
Weltkrieg, voller Wunden im Papier, fast schon selber Schlachtfelder, hat
Dammann imposant aufgeblasen. Zu „Schmerzensfotos“. Sogar seine technisch
brillanten Aquarelle, wo die schönsten Farben schwimmen gehen und die
verschwommene „Idylle“ süffig auf dem Papier plantscht, zehren von
Aufnahmen aus dem Londoner „Archive of Modern Conflict“, dessen
Spezialgebiet die private Kriegsfotografie ist. „Gedrängte Erwartung“:
eine Braut, ein Bräutigam, viel Familie, zusammengepfercht wie in der
Legebatterie. Den Eheleuten sieht man die Vaterlandspflicht an, die auf
ihnen lastet: die zukünftigen Kriege zu ernähren. Mit selbstgemachtem
Kanonenfutter. Und die Hochzeitsnacht fleißig durchzuarbeiten.
Galerie Charim: Im Reich des König Midas
Andy Warhol hatte ein Händchen wie König Midas. Was er angegriffen hat,
konnte keiner mehr essen? Weil man seine Goldmünzen ja auch nicht isst? So
ähnlich. Wen er berührt hat, der war ein Superstar. Dessen Starruhm hielt
für mindestens 15 Minuten an.
Dorthin, wo er residierte, in seine Star-Fabrik (die Factory) verschlug
es auch Gerard Malanga, der seither Filme machte, Gedichte schrieb, viel
fotografierte (und seinem fotografischen Werk widmet die Galerie Charim in
Zusammenarbeit mit der Viennale eine kleine Retrospektive) und noch immer
in einer WG mit den Katzen Archie und Sasha in Brooklyn in New York
lebt.
Wahre Ikonen bekam er vors Objektiv. Mick Jagger (in dessen Gesicht das
gelobte Land für Lippenpflegestifte liegt), Midas selbst (Warhol) oder
William Burroughs, der in Großwildjägerpose sein Gewehr auf die New Yorker
Twin Towers richtet (seit dem 11. September eine unmoralische Geste).
Sympathische Porträts ohne übertriebene Aufdringlichkeit.
Quer durch die Galerien
Galerie Georg Kargl
(Schleifmühlgasse 5)
Martin Dammann. Vanishing Point.
Bis 5. November
Di., Mi. und Fr. 11 bis 19 Uhr
Do. 11 bis 20 Uhr
Sa. 11 bis 15 Uhr
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Galerie Charim
(Dorotheergasse 12)
Gerard Malanga in Retrospect.
Bis 5. November
Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr
Sa. 11 bis 14 Uhr
Freitag, 28. Oktober
2005