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Kunstberichte

Quer durch die Galerien

Wer ohne Sitzfleisch ist

Nanu, wie kommt denn das Flugzeug in die Moschee von Cordoba? Noch dazu ein böses (mit kriegerischen Absichten)? Das weiß nur Martin Dammann – und ich so ungefähr (siehe unten). Galerie Kargl

Nanu, wie kommt denn das Flugzeug in die Moschee von Cordoba? Noch dazu ein böses (mit kriegerischen Absichten)? Das weiß nur Martin Dammann – und ich so ungefähr (siehe unten). Galerie Kargl

Von Claudia Aigner

Zu Fuß zu gehen, ist ja wirklich eine Zumutung. Der zivilisierte Bergsteiger, der sich nicht mehr zum Sklaven seiner unteren Extremitäten erniedrigen lässt, erklimmt seine Berge sitzend. Der fährt mit dem Sessellift zum Gipfelsieg. (Oder mit dem Zug, der schönbrunngelb angemalt ist und höhenmeterverachtend den Gloriettehügel bezwingt wie Reinhold Messner den Mount Everest. Aber wieso werden an die Fahrgäste, diese Sitzhelden, die mit nimmermüden Ärschchen der Steigung im Schönbrunner Schlosspark trotzen, bei Fahrtantritt keine Sauerstoffgeräte ausgegeben?)

Galerie Kargl: Wer behelligt denn noch die Beinmuskeln?

Ja, eine neue Volksfrömmigkeit breitet sich aus, ein Kult um die träge Masse, ums Gesäß. Der Mensch folgt seinem Hinterteil (und nicht umgekehrt) und das zieht’s stets nach unten. Immer der Erdbeschleunigung entgegen. Sitzen ist eine religiöse Handlung. Vom Relax-Sessel aus, der unsern zentralen Körperteil verherrlicht (und immer mehr Stühle sind nicht einfach Sitzgelegenheiten, sondern Apotheosen des Sitzfleischs), können die Jünger des Popos fast die komplette Welt erreichen und beherrschen. Per Fernbedienung oder Mouse-Klick. Nur der ferngesteuerte Kühlschrank, der das Essen apportiert, ist noch nicht ganz ausgereift.
Doch ist die Sitzfleischeslust nicht eigentlich eine Todsünde (die Trägheit, die neuerdings euphemistisch „Bewegungsmangel“ heißt)? Na ja, wer ohne Hintern ist, werfe den ersten Sessel!

Die Gotteshäuser sind ja auch keine Fußgängerzonen mehr. Jedenfalls die Drive-in-Kirchen. Und es tät mich nicht wundern, wenn man alle andern Kirchen, die also keine Parkplätze für Autos sind, notdürftig nachrüsten würde und wenigstens ein Förderband einbauen würde, auf das sich die Gläubigen, die zum Abendmahl wollen, nur draufstellen müssen wie Mineralwasserflaschen, die feierlich zur Kassa fahren (der Mensch besteht ja zu mindestens 60 Prozent aus Wasser).

Oder wenn zum Abschreiten der Kreuzwegstationen in der Kirche ein Golgatha-Express angeschafft würde (vom Nitsch entworfen, in rötestem Prinzendorf-Rot, weshalb der Zug für den Volksmund sicher bald „die Blutwurst“ wäre), mit 14 Haltestellen, wo die Bahn kurz in Andacht verharrt. Und den Beichtstuhl erreicht man mit der Rikscha.

Das wäre nur konsequent. Aber ein Kriegsflugzeug im Haus Gottes? Ein Domizil der Nächstenliebe als Luftwaffenstützpunkt? Da es sich freilich um die Große Moschee in Cordoba handelt, die brutal in eine Kirche umfunktioniert worden ist und vor ihrer Erbauung selber eine christliche Kirche ruiniert hat (und früher stand da sogar ein heidnischer Tempel), da also immer ein transzendentales Griss um diesen Ort gewesen ist und besagtes Fluggerät auch noch dermaßen fest in der Bausubstanz steckt, nämlich von den Säulen aufgespießt wird wie ein Insekt in einer entomologischen Sammlung, hab’ ich so einen Verdacht.

Weil auch Artus keinen Waffenschein gebraucht hat

Könnte das eine Probe sein wie mit einem gewissen Schwert in einem Felsbrocken? Wer das Flugzeug aus der Architektur herausfliegen kann, wird der Herrscher über den Luftraum. Der hat die religiöse Lufthoheit. Und seine Religion wird Staatsreligion. Und der Auserwählte braucht nicht einmal einen Pilotenschein. Artus hatte ja auch keinen Waffenschein.

Interessante Fantasie. Trotzdem hat bloß Martin Dammann die Flugmaschine dort abgestellt. Und nicht einmal mit den Signalfähnchen der Fluglotsen hineingewunken ins schwierige Gelände, sondern mit einem Ding namens Photoshop. Eine Fotomontage also. Die hier ein Verwüstungsinstrument bannt. (Im spanischen Bürgerkrieg wurde ja auch diese Stätte bombardiert.) Krieg, Zerstörung, kinetische Energie und die Auflösung der Bilder ziehen sich überhaupt durch die sehr stimmige Schau.

Das Video „Abgang“ entsorgt die heile Eigenheim-Welt. Ein Modell davon wird aus dem vierten Stock geworfen, zerfällt im freien Fall, beobachtet von einer Kamera an einem Bungee-Seil. Irritierende, beinah atemberaubende Bilder (aber den Ton hat Dammann wohl einfach dem Zufall überlassen, also: ein Buhruf für ihn). Dann tritt der Blick wieder in die Wohnrealität ein, zwischen Wohnbunkern.
Ecce Foto: Aufklärungsfotos aus dem zweiten Weltkrieg, voller Wunden im Papier, fast schon selber Schlachtfelder, hat Dammann imposant aufgeblasen. Zu „Schmerzensfotos“. Sogar seine technisch brillanten Aquarelle, wo die schönsten Farben schwimmen gehen und die verschwommene „Idylle“ süffig auf dem Papier plantscht, zehren von Aufnahmen aus dem Londoner „Archive of Modern Conflict“, dessen Spezialgebiet die private Kriegsfotografie ist. „Gedrängte Erwartung“: eine Braut, ein Bräutigam, viel Familie, zusammengepfercht wie in der Legebatterie. Den Eheleuten sieht man die Vaterlandspflicht an, die auf ihnen lastet: die zukünftigen Kriege zu ernähren. Mit selbstgemachtem Kanonenfutter. Und die Hochzeitsnacht fleißig durchzuarbeiten.

Galerie Charim: Im Reich des König Midas

Andy Warhol hatte ein Händchen wie König Midas. Was er angegriffen hat, konnte keiner mehr essen? Weil man seine Goldmünzen ja auch nicht isst? So ähnlich. Wen er berührt hat, der war ein Superstar. Dessen Starruhm hielt für mindestens 15 Minuten an.

Dorthin, wo er residierte, in seine Star-Fabrik (die Factory) verschlug es auch Gerard Malanga, der seither Filme machte, Gedichte schrieb, viel fotografierte (und seinem fotografischen Werk widmet die Galerie Charim in Zusammenarbeit mit der Viennale eine kleine Retrospektive) und noch immer in einer WG mit den Katzen Archie und Sasha in Brooklyn in New York lebt.

Wahre Ikonen bekam er vors Objektiv. Mick Jagger (in dessen Gesicht das gelobte Land für Lippenpflegestifte liegt), Midas selbst (Warhol) oder William Burroughs, der in Großwildjägerpose sein Gewehr auf die New Yorker Twin Towers richtet (seit dem 11. September eine unmoralische Geste). Sympathische Porträts ohne übertriebene Aufdringlichkeit.

Quer durch die Galerien

Galerie Georg Kargl

(Schleifmühlgasse 5)

Martin Dammann. Vanishing Point.

Bis 5. November

Di., Mi. und Fr. 11 bis 19 Uhr

Do. 11 bis 20 Uhr

Sa. 11 bis 15 Uhr

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Galerie Charim

(Dorotheergasse 12)

Gerard Malanga in Retrospect.

Bis 5. November

Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr

Sa. 11 bis 14 Uhr

Freitag, 28. Oktober 2005


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