OÖNachrichten
http://www.nachrichten.at/kultur/478458
OÖN Zitat
„Das Alter muss kein Schiffbruch sein.“
Werner Spies
von
Irene Judmayer
Pablo Picassos späte Urgewalt
"Malen gegen die Zeit" - so lautet der Übertitel einer spektakulären Picasso-Ausstellung, die gestern in der Wiener Albertina eröffnet wurde. Wobei sich das Spektakuläre hier nicht auf die Quantität bezieht, sondern auf neu erkannte Qualitäten im Werk des Kunst-Giganten.

Aus dem Künstler-Leben: "Der Maler und sein Modell", von Picasso von 3.-8. April 1963 gemalt Fotos: Succession Picasso/VBK, Wien, 2006

"Für mich ist diese Ausstellung ein Glücksfall" -diesen Satz stellte der aus Linz stammende Albertina-Direktor Klaus-Albrecht Schröder an den Beginn seines neuen Fokus auf Pablo Picasso.

Der Glücksfall beziehe sich zum einen auf die neuen Präsentationsräume im Obergeschoß der Albertina. Zum anderen bezog sich Schröder damit auch auf den Kunsthistoriker Werner Spies, den er als Kurator für diese delikate Aufgabe zur Seite hatte.

Kluges Konzept

Der erste Blick auf die Zusammenstellung der Arbeiten macht schnell klar: Mit der Bezeichnung "Glücksfall" hat Schröder nicht zu hoch gegriffen. Spies - unter anderem ehemaliger Chef des Pariser Centre Pompidou - hat dafür nämlich ein ausgesprochen kluges Konzept entwickelt: Gezeigt werden ausschließlich Werke aus den letzten zehn Jahren des Pablo Picasso. Rund 200 Gemälde, Plastiken, Drucke, Skulpturen -auf grandiosen 1700 m2 Ausstellungsfläche.

Die dadurch mögliche großzügige Präsentation lässt den kraftvollen Exponaten jenen Raum, den sie für die Entfaltung ihrer vollen Wirkung auch brauchen.

Und so kann sich tatsächlich dann jene Erkenntnis entfalten, die die Gestalter dieser Schau auch beabsichtigt hatten: Das Spätwerk Picassos ist alles andere als der letzte Ges-tus eines senilen Greises, als der es oft herabgewürdigt wurde und wird.

Besonders konzentriert

Immer wieder neu anzufangen. Das war die Maxime des spanischen Künstlers. Noch mit achtzig begann er ein neues Leben. Heiratete noch einmal eine jüngere Frau, bezog noch einmal eine neue Villa. Und er wagte auch im künstlerischen Vokabular Neues. Experimentierte weiter. Setzte sich daneben mit dem Werk berühmter Malerkollegen auseinander. Gleich das erste Gemälde, das den Ausstellungsbesuchern hier frontal ins Auge sticht, ist Manets "Frühstück im Grünen" gewidmet.

"Alter muss kein Schiffbruch sein", bringt es Kurator Spies auf den Punkt. Der sichere Strich, die präzise Charakterisierung, die kreative Urgewalt, mit der noch der damals 90-jährige Picasso manisch "gegen die Zeit", die eigene Endlichkeit anzeichnete, anmalte, werden hier in der Albertina ganz besonders deutlich.

Angesichts von Werken wie der räumlich diffizilst aufbereiteten Aquatinta-Arbeit "Maler und Modell" (1968), angesichts der erotisch inspirierten Radierzyklen etwa zur Tragikomödie "Celestina" (1970). Angesichts des farblich aufgesplitterten, kuriosen "Stillleben mit Katze und Hummer". Auch angesichts jener Variationen, mit denen sich Picasso immer wieder neu und überraschend ähnlichen Themen annäherte.

Auf die OÖN-Frage, wann eigentlich der Albertina-Direktor selbst seine erste Begegnung mit dem Werk Picassos hatte, erzählt Schröder eine bezeichnende Anekdote.

Sollte kein Maler werden

"Mit 17 Jahren wollte ich noch Maler werden und arbeitete oft im Atelier des Linzer Malers Fritz Aigner. Der hat mich immer vor den Irrungen des Herrn Picasso gewarnt." Schröder habe trotzdem in einem Picasso-Buch geblättert: "Nach dem ersten Staunen wurde mir dann bald klar: Ich sollte kein Maler werden."

Diese Erkenntnis macht den Stellenwert Picassos perfekt klar: Gestorben ist er zwar 1973, aber selbst aus seinem Grab heraus dominiert er noch die Kunstwelt. Auch durch seine stete Herausforderung zur Auseinandersetzung.

Die Ausstellung "Malen gegen die Zeit" in der Albertina ist dazu eine gute Gelegenheit, die man wahrnehmen sollte.


OÖnachrichten vom 22.09.2006
 
   



© Wimmer Medien / OÖNachrichten
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf.
zurück