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Kunstrestitution: Eklat bei Buchpräsentation mit Ministerin

08.05.2008 | 18:33 | BARBARA PETSCH (Die Presse)

Neue Publikation über die arisierte Sammlung Rieger empört die Leopolds. Stiftungsvorstand tagte.

„Eine Zumutung!“ So nennt Czernin-Verlagsleiter Benedikt Föger den Auftritt von Elisabeth Leopold, Ehefrau des Sammlers Rudolf Leopold, Mittwochabend im Wiener Künstlerhaus. Bei der Präsentation des Buches „Irgendwo – Wien, Theresienstadt und die Welt, die Sammlung Heinrich Rieger“ von der Kunsthistorikerin Lisa Fischer kam es zum Eklat. Elisabeth Leopold wollte sich zu den in dem Band enthaltenen Vorwürfen gegen Rudolf Leopold äußern.

Das wurde vom Czernin-Verlag unterbunden, überdies verließen alle Besucher demonstrativ den Saal, auch die anwesende Ministerin Schmied. „Unwissenschaftlich und unseriös“, empört sich Elisabeth Leopold über das Buch: „So kann man mit dem größten Mäzen der Republik nicht umgehen!“ Autorin Lisa Fischer sagt, sie habe zwar nicht mit Rudolf Leopold, aber mit dem Provenienzforscher des Leopold-Museums, Robert Holzbauer, gesprochen, hätte dessen Stellungnahmen ins Buch eingearbeitet, habe aber dann nichts mehr von ihm gehört: „Ewig kann man nicht warten.“

Heinrich Rieger, Arzt wie Rudolf Leopold, wurde 1868 in der heutigen Slowakei geboren. Für Behandlungen bekam er Bilder. Seine Sammlung mit Werken von Schiele, Klimt, Kokoschka, Albin Egger-Lienz umfasste über 700 Werke. Sie wurde 1921 unter Denkmalschutz gestellt. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten 1938 versuchte Rieger, die Sammlung zu verkaufen, u.a. an Ariseure wie Friedrich Welz. 1942 wurde er mit seiner Frau Bertha nach Theresienstadt deportiert, wo er bald starb. Bertha wurde 1944 in Auschwitz ermordet.


Vorläufig keine Klage wegen des Buches

Ein Großteil der Sammlung Rieger gilt heute als verschollen, ein Teil wurde restituiert, darunter auch das berühmte Schiele-Werk „Kardinal und Nonne“, das Riegers in die USA geflüchteter Sohn Robert an die Österreichische Galerie verkaufte, von wo es im Tauschweg in die Leopold-Sammlung gelangte. Immerhin hängt es dort jetzt mit dem Verweis auf die Provenienz Rieger.

Auf rund 13 Seiten im Anhang breitet Fischer die verschlungenen Wege von Werken in die Leopold-Sammlung in ihrem Buch aus. Sie schildert auch, wie Leopold zwei Schiele-Bilder aus der Rieger-Sammlung in London bei Sotheby's verkaufen wollte, vergeblich, das Auktionshaus hielt die Bilder zurück. Fischers Fazit: „Es ist anzunehmen, dass Leopold die Herkunft der Bilder bekannt war. Schließlich besitzt er seit Jahrzehnten Filmrollen, die 53 Abbildungen von Schiele-Zeichnungen aus der Sammlung Rieger zeigen.“ „Unerträglich“ sei es für die bei der Buchpräsentation anwesenden, teils betagten Rieger-Erben gewesen, ausgerechnet mit Elisabeth Leopold konfrontiert zu werden, sagt Czernin-Verlagsleiter Föger.

Im Leopold-Museum peilt man zunächst keine Klage wegen des Buches an, weil man Publizität vermeiden möchte. Donnerstag beriet der Stiftungsvorstand über fünf vom Bund nominierte und finanzierte Provenienzforscher, zwei davon sollen die Forschung des Museums objektivieren.

Eine Kommission, besetzt von mehreren Ministerien berät, ob und wie man die Leopold-Stiftung dem Kunstrückgabegesetz unterwerfen kann. „Der öffentliche Druck wird immer größer“, meint Eva Blimlinger, die Sprecherin der Historikerkommission war. Sie glaubt nicht, dass die Leopold-Debatte versanden wird: „Österreich könnte mit seinem Kunstrestitutionsgesetz ruhig selbstbewusster auftreten. Aber die ungleiche Behandlung des Leopold-Museums ist auch international unverständlich.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2008)


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