28.10.2002 18:29
Klassiker der Entwurzelung
Zwei
Programme im "steirischen herbst" bitten um Engagement: "Enactments of the Self"
ist eine Schau zum Mitmachen, "Routes" blickt erneut zwischen das Ich und die
anderen
Graz - Wer gut aufpasst, kann gegenwärtig in Graz von beliebigen
Stellen des in finaler Aufrüstung fürs Jubeljahr ’03 begriffenen Stadtzentrums
mittelgroße, klassische gelbe Haftnotizen zweier unterschiedlicher Inhalte
pflücken. Und dann der Telefonnummer 0676/847 484 220 mitteilen: "Ja, ich möchte
an einem Zaungespräch teilnehmen."
Und wird dann, wie es sich gehört, zum
Casting eingeladen. Dieses findet in einem amerikanischen Straßenkreuzer statt.
"Kunstkenntnisse sind nicht erforderlich, sondern Neugier am Erleben einer
ungewöhnlichen und doch bekannten Situation." Unter selbiger Nummer kann man
sich auch als Freiwilliger "für die Teilnahme an künstlerischen Aktionen
bewerben". Genau: Es geht um neue - ganz wichtig - aktive "Beziehungsformen
zwischen Kunst und verschiedenen Publikumsgruppen".
Jedermann kann sich
wichtig machen, also etwa relevant partizipatorisch an performativen Aktionen
teilhaben oder bei choreografierten Ereignissen gestaltend mithüpfen. Enactments
of the Self nennt sich der größere Rahmen, in dem u.a. Barbara Holubs
"Zaungespräche" gefasst wurden. Maia Damianovic hat ihn gezimmert. Erwin Wurm
steuert ein paar Minutenskulpturen bei: Genreklassiker. Demgemäß bieten sich die
meisten der Kunstwerke als Schauplätze feil, als Bühnen, die psychisch
erweiternden oder zumindest das Sein als Mensch sanft befragenden Aspekte des
Darstellens quasi subkutan zu erfahren. Also: Vergessen Sie alles, was Sie über
ihre Wirkungsästhetik zu wissen glaubten. Vor allem: Die ist nicht angeboren.
Die meisten Partizipationsangebote finden sich in einer ehemaligen
Hinterhoffabrik in der Belgiergasse 8a, dort wo der "rotor" die nächsten Monate
lang sein "Balkan Konsulat" betreiben wird.
Im Grazer Kunstverein kann
man zwar nicht direkt mitmachen. Die dort zu Werken transferierten
Reiseerfahrungen kann man aber durchaus teilen. Christian Kravagna hat unter dem
Titel "Routes - Imaging travel and migration" acht Reflexionen über
konventionelles Reisen oder dessen erzwungene Variante Migration versammelt. Es
geht erneut um den so problembehafteten Spielraum zwischen dem jeweiligen Ich
und den jeweils anderen. Der ist zwar mittlerweile extrem gut kartografiert, im
Alltag der Völker haben sich die oft empfohlenen behutsamen Umgangsformen aber
noch nicht so durchgesetzt. Weshalb zum Beispiel Martin Beck Michelangelo
Antonionis Entwurzelungsklassiker Professione Reporter auf seine Schlüsselszene
zur kolonialstischen Arroganz reduziert, den Rest des Zweistünders aber dunkel
abspult. Nachher kann jeder sagen, was die Schlüsselszene ist.
Ähnliche
Schlüsselzenen spielen bei Dorit Margreiter die Hauptrolle: In ihrem Homevideo
liest der Künstlerin Mutter - sie ist Asiatin - Passagen aus dem Buch "Woman of
the Orient". Und wirklich entpuppt sich das vermeintliche Reisetagebuch als
Frauengebrauchsanleitung für männliche Alleinreisende, als Einführung in die
lockeren Sitten der Asiatin.
Gülsüm Karamustafa thematisiert des
flüchtige Lager der Reisenden: The Hotel Room. In einer 72-teiligen Fotostrecke
macht sie mit ihrem Kind in einem Hotelzimmer, wofür sonst nie Zeit ist: bewusst
den Raum erfahren, das Komfortstandardzimmer für sich entdecken. (DER STANDARD,
Printausgabe, 29.10.2002)