Kurz bevor der Eiserne Vorhang fiel, gab
es in Europa gelegentlich Kunstschauen von Künstler aus dem Osten.
Als 1989 die Nachkriegsordnung zusammenbrach, erkundeten westliche
Künstler und Kuratoren vorsichtig das künstlerische Terrain der lange
verborgenen Kollegen aus dem Osten.
Linkische Anfänge
Was man da oft zu sehen bekam, erinnerte an Pop-Art-Verschnitte aus den
60er Jahren. Und so begann sich eine gewisse Arroganz des Westens in die
Kunstbetrachtung einzuschleichen.
Mittlerweile hat sich das Bild gewandelt und aus den Exponaten lässt
sich nun keine topografische Zuordnung mehr treffen.
Künstler-Nomaden
Marijetica Potrc, Architektin aus Lubijana, mit ihren weitweiten
Interventionen im öffentlichen Raum, oder die Belgrader Künstlerin Milica
Tomic, die in ihren Videos an ihrem Körper die Verletzungen des
Balkankriegs dokumentiert, sind ebenso künstlerische Nomaden wie der
Albaner Anri Sala.
Eigendefinition
Sala lebt seit 1996 mit einem "profession liberale"-Visum in Paris. Das
ist Grundlage seiner Identität und er fühlt sich weder als albanischer
Künstler in Paris, noch als französischer Künstler in Albanien.
Brüchige Begriffe
Vielmehr genießt er es zu reisen und nirgendwo hinzugehören. Die
Begriffe "Ostkunst" und "Balkankunst" lehnt er als nicht sehr
aussagekräftige Termini ab.
Außer der gemeinsamen Vergangenheit des Kommunismus, der sich schon
damals in verschiedenen Spielarten auf die Menschen auswirkte, gibt es
sonst eine Menge von Differenzen.
Internationale Kunstsprache
Die Unterschiede zwischen Russland, Balkan, Ostdeutschland und
Mazedonien sind heute bedeutsamer geworden. Kultur, Gewohnheiten der
Menschen, Religionsprobleme und Nationalismus stellen sich differenziert
dar und finden in der jeweiligen Kunst ihren Ausdruck.
Das künstlerische Formen-Vokabular ist daher auch internationaler
geworden. Und so stellt sich für diese Künstler auch langsam
internationaler Erfolg ein.
Neudefinition
Viele der Künstler, die zur Balkankunst gezählt werden, leben längst
nicht mehr in dieser Region. Vielleicht wird man ihren Arbeiten eher
gerecht, wenn man nach den Schnittpunkten zweier oder mehrerer Identitäten
sucht.
Identitäten, die sich aus neuen Beziehungen und künstlerischen
Erfahrungen speisen - und somit zum weltweiten Kunstdiskurs
beitragen.