Die Öffentlichkeit definiert sich nie
selbst und ist immer die anderen. Sie ist immer irgendwo da draußen auf
der Straße und nicht zu Hause, ist amorphe Masse, die sich bei einer
Wahlkampfveranstaltung der steirischen ÖVP ebenso fand wie beim
Galerienmarathon zur Eröffnung des diesjährigen steirischen herbstes.
Provokation?
Und um Öffentlichkeit oder besser gesagt um Öffentlichkeiten geht es in
RE_public, einem Ausstellungsprojekt des Grazer Kunstvereins in
Zusammenarbeit mit dem steirischen herbst und dem Kulturprogramm
Österreich für die EXPO in Hannover. In und um einen Container, der einem
miltiärischen Camp nicht unähnlich ist, versuchen rund ein Dutzend
Künstler und Künstlergruppen eine Art von Öffentlichkeit zu
provozieren.
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| Christoph
Grissemann |
Aufklärungswürdig?
Die in zwei Katalogbeiträgen dargelegte intellektuelle Unterfütterung
ist dabei etwas problematisch, weil dort aller begrifflichen Reflexion zum
Trotz die Öffentlichkeit herumgeistert als aufklärungsbedürftiges Objekt,
das sich eine Meinung bilden kann, wenn Produzenten und Publikum wieder
mehr Tuchfühlung miteinander aufnähmen. Auch muten einige der
angekündigten Events an, als wollten sie die Interaktion zwischen
Künstlern und Publikum als Kunstform nochmals erfinden.
Wo sind sie geblieben?
Doch jenseits solcher Kritik im Detail lassen die kommenden Wochen
einige boshaft-anregende Veranstaltungen erwarten. Nicht zuletzt deswegen,
weil gleich das erste Event mehr oder weniger ungewollt die Grenzen des
Projektes RE_public ausloten musste: Über weite Strecken im Regen
ersaufend, bewies die Dead Cowboys Radio Show, dass es zur Not auch ohne
die Öffentlichkeit als Publikum geht, solang die Öffentlichkeit als Raum
besetzt wird.
Außerirdische Kontakte
Die Schweizer Gruppe Mass & Fieber und die Gruppe Ligna vom Freien
Senderkombinat in Hamburg hatten eingeladen, einer Versammlung der
Mesmeric Society Tombstone beizuwohnen. Ernst blickende Damen und Herren
unter harten weißen Stetsons drückten den wenigen durchnässten Zuschauern
Radios in die Hand, mit deren Hilfe sich die Versuche der Society
verfolgen ließen, unter Anwendung der Erkenntnisse der
Tonbandstimmenforschung Kontakte zu Verstorbenen herzustellen.
Tatsächlich wurden die rituellen Anrufungen auch vom Erfolg gekrönt:
Aus dem heiseren Zischen einer Langwellenfrequenz soll nach mehrmaligem
Hören für die Expertinnen und Experten deutlich ein kurzer Satz zu hören
gewesen sein.
Was Veranstaltungen wie diese interessant macht, ist der Versuch, weder
vereinnahmend noch denunziativ an absonderliche Phänomene heranzugehen.
Öffentlichkeit wird dabei als eine Fülle sich permanent umschichtender und
verändernder Strukturen verstanden, die hinter der gemeinhin wahrnehmbaren
Oberfläche von Öffentlichkeit als amorphe Masse existieren.
Die Rettung der Welt
Jenseits der coolen Abweichung vom Mainstream sind diese anderen
Öffentlichkeiten immer da, als Netzwerke seltsamer kultureller Praktiken,
als Zirkel verschworener Wissender, als Archive verschollener Fehler. Was
die Kunst hier ihren Freunden exemplarisch erkennbar machen kann, ist die
Bedeutung solcher kleinräumlicher Phänomene: Die Rettung der Welt findet
zwar nicht im Hinterzimmer statt, aber dort wird sie seit jeher
probiert.