RE_public

Das erste Projekt zum Thema Öffentlichkeit musste ohne großes Publikum auskommen. Der Grund: es regnete.
Von Friedrich Tietjen.


Die Öffentlichkeit definiert sich nie selbst und ist immer die anderen. Sie ist immer irgendwo da draußen auf der Straße und nicht zu Hause, ist amorphe Masse, die sich bei einer Wahlkampfveranstaltung der steirischen ÖVP ebenso fand wie beim Galerienmarathon zur Eröffnung des diesjährigen steirischen herbstes.

Provokation?

Und um Öffentlichkeit oder besser gesagt um Öffentlichkeiten geht es in RE_public, einem Ausstellungsprojekt des Grazer Kunstvereins in Zusammenarbeit mit dem steirischen herbst und dem Kulturprogramm Österreich für die EXPO in Hannover. In und um einen Container, der einem miltiärischen Camp nicht unähnlich ist, versuchen rund ein Dutzend Künstler und Künstlergruppen eine Art von Öffentlichkeit zu provozieren.

Christoph Grissemann
Christoph Grissemann

Aufklärungswürdig?

Die in zwei Katalogbeiträgen dargelegte intellektuelle Unterfütterung ist dabei etwas problematisch, weil dort aller begrifflichen Reflexion zum Trotz die Öffentlichkeit herumgeistert als aufklärungsbedürftiges Objekt, das sich eine Meinung bilden kann, wenn Produzenten und Publikum wieder mehr Tuchfühlung miteinander aufnähmen. Auch muten einige der angekündigten Events an, als wollten sie die Interaktion zwischen Künstlern und Publikum als Kunstform nochmals erfinden.

Wo sind sie geblieben?

Doch jenseits solcher Kritik im Detail lassen die kommenden Wochen einige boshaft-anregende Veranstaltungen erwarten. Nicht zuletzt deswegen, weil gleich das erste Event mehr oder weniger ungewollt die Grenzen des Projektes RE_public ausloten musste: Über weite Strecken im Regen ersaufend, bewies die Dead Cowboys Radio Show, dass es zur Not auch ohne die Öffentlichkeit als Publikum geht, solang die Öffentlichkeit als Raum besetzt wird.

Außerirdische Kontakte

Die Schweizer Gruppe Mass & Fieber und die Gruppe Ligna vom Freien Senderkombinat in Hamburg hatten eingeladen, einer Versammlung der Mesmeric Society Tombstone beizuwohnen. Ernst blickende Damen und Herren unter harten weißen Stetsons drückten den wenigen durchnässten Zuschauern Radios in die Hand, mit deren Hilfe sich die Versuche der Society verfolgen ließen, unter Anwendung der Erkenntnisse der Tonbandstimmenforschung Kontakte zu Verstorbenen herzustellen.

Tatsächlich wurden die rituellen Anrufungen auch vom Erfolg gekrönt: Aus dem heiseren Zischen einer Langwellenfrequenz soll nach mehrmaligem Hören für die Expertinnen und Experten deutlich ein kurzer Satz zu hören gewesen sein.

Was Veranstaltungen wie diese interessant macht, ist der Versuch, weder vereinnahmend noch denunziativ an absonderliche Phänomene heranzugehen. Öffentlichkeit wird dabei als eine Fülle sich permanent umschichtender und verändernder Strukturen verstanden, die hinter der gemeinhin wahrnehmbaren Oberfläche von Öffentlichkeit als amorphe Masse existieren.

Die Rettung der Welt

Jenseits der coolen Abweichung vom Mainstream sind diese anderen Öffentlichkeiten immer da, als Netzwerke seltsamer kultureller Praktiken, als Zirkel verschworener Wissender, als Archive verschollener Fehler. Was die Kunst hier ihren Freunden exemplarisch erkennbar machen kann, ist die Bedeutung solcher kleinräumlicher Phänomene: Die Rettung der Welt findet zwar nicht im Hinterzimmer statt, aber dort wird sie seit jeher probiert.

Radio …sterreich 1