Quer durch Galerien
Wildert eure Pelzmäntel aus!
Von Claudia
Aigner
Ja, auch ich habe mich schon gelegentlich
gefragt, warum wir vor dem Einschlafen Schäfchen zählen und ob
es denn nicht sinnvoller wäre, stattdessen Schlaftabletten zu
addieren (im Geiste wohlgemerkt) und uns dabei zu suggerieren,
dass spätestens die 1.368ste ihre Wirkung tun wird. Aber nein,
wir machen Inventur in unsrer Schafsherde im Kopf und zählen
die Wollpulloverlieferanten ab, die uns den Weg zum gesunden
Schlaf vor Mitternacht verstellen. Warum?
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Da
bahnt sich eine Massenhochzeit an: Je zwei Teile gehören
zusammen. El Mestikawys neun glückliche Paare. Barbara
Graf |
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Das eigentliche Kunstwerk dieser Vernissage
hat Franziska Maderthaner eben auf dem Fußboden
gefunden. Galerie Exner |
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Was das ist? "Synthetische Malerei" von
Martin Praska. Ein Stil-Mix nach dem
Backe-backe-Kuchen-Prinzip. Nur ohne Umrühren. Galerie
Exner |
Und wenn, was bei gebürtigen Städtern ja nichts
ungewöhnliches sein dürfte, unser Vorstellungsvermögen nicht
für ein ganzes, naturgetreues Wolltier reicht, dann rechnen
wir halt leichter zu imaginierende Wollhauben zusammen oder
praktisch portionierte Schafskäsestückchen in Salzlake, die
auf dem Supermarktförderband schlafwandlerisch an uns
vorüberziehen. Warum also tun wir das? Aus Gründen der
Stadtflucht. Weil es uns zwanghaft ins Schäferidyll
hineindrängt. Weil es uns zurück zur Natur treibt.
Somit aus dem selben Grund, weshalb bekehrte, reuige
"Fremdfellträger" vielleicht das dringende Bedürfnis
verspüren, ihre Pelzmäntel in die Wälder hineinzuverschleppen
und sie dort auszusetzen, quasi "auszuwildern", um das Fell,
das sie seinem natürlichen Lebensraum entrissen haben (kraft
ihrer konsumentischen Nachfrage), wieder zu retournieren.
Nein, das ist kein gutes Beispiel. Denn den Pelzmantel haben
sie ja eventuell gerade wegen ihrer Naturverbundenheit
angehabt, um mit der unberührten, wilden Natur wenigstens im
Winter eins zu werden.
Und es wäre ja auch ein verfehlter Naturkult und eine etwas
surreale Strategie, um im Einklang mit der Natur und ihren
Rhythmen (den Jahreszeiten) zu leben, wenn man plötzlich
anfinge, im Frühling seine Sitzgarnituren aus Rindsleder auf
die Almen zu treiben, alle diese transformierten Ex-Rinder,
die man daheim hat, zu renaturieren, was so viel heißt wie:
sie in einen naturnahen Zustand zurückzuführen. Nur um sein
Gewissen zu beruhigen und bei einem BigMac keine Beißhemmung
haben zu brauchen, weil man zu Hause eh bis zum Herbst auf
unbequemen Klappsesserln aus Plastik sitzt. (Da kann der Clown
Ronald McDonald noch so viele Rinderherden mit seinem
Fleischwolf in lappige Weckerln hineinhetzen.)
Meint der Martin Praska (bis 28. April beim Exner,
Rauhensteingasse 12) mit einigen seiner Bilder womöglich genau
das, die Entfremdung des urbanen Menschen von Wald und Flur?
(Und wenn die Menschheit nicht aufpasst, glaubt die nächste
Generation wirklich, dass Kühe Gras in Schokolade umwandeln,
und die Kinder halten keinen gesunden Abstand mehr zu den
Kuhfladen.)
Galerie Exner: Können Stöckelschuhe denn jodeln?
"Bäuerin auf dem Felde": Da kniet eine gar nicht rustikale
Frau (im Minikleid und mit Pumps) auf einem blauen Bürostuhl,
dem "Rollstuhl" für zum achtstündigen Sitzen verdammte
Büroangestellte, ihrem Fortbewegungsmittel, mit dem sie ihrer
Arbeit sitzend entgegenrollen, und betrachtet eine Tapete,
übersät von stilisierten, kitschigen Schafsköpfen. So gesehen,
ein perverses Genrebild. Eine abartige bukolische Szene.
Auch der "Urlaub in den Bergen" ist nur bedingt ein
Landschaftsbild. Auf einem Ledersofa (am Ende gar aus
Rindsnappa, und so eine Couch hat gegenüber dem "Original",
dem prämortalen Stier, ja wirklich Vorteile: Sie ist
stubenrein, versucht nicht, den Teppich, auf dem sie steht, zu
fressen und dann wiederzukäuen, und sie läuft nicht davon,
wenn man sich draufsetzen will) sitzt dieselbe Maid wie auf
dem Schreibtischsessel und hat für eine Bergwanderung das
falsche Schuhwerk an. Doch in Zeiten der Dekadenz, wo
sportwidrige Turnschuhe mit Stilettoabsätzen auf dem Markt
sind, sind sicher auch bald Goiserer und Doc Martens mit
Stöckeln zu haben (und hochhackige Schwimmflossen). Und über
der "Urlauberin" auf dem Ledersofa regnet sich eine kindlich
ins realistische Bild hineingekritzelte Wolke aus.
Geht’s da jetzt also um unser ambivalentes Verhältnis zur
Natur, weil wir uns schließlich einerseits vor der Natur
schützen müssen, wenn sie zu zutraulich wird (mit
Zeckenschutzimpfungen, Insektensprays und Regenschirmen), und
von Jahr zu Jahr allergischer auf die Botanik reagieren (weil
die Flora für Pollenallergiker eine Biowaffe ist) und
andererseits gleichzeitig unsere Nachfrage steigt nach
unverfälschter Biologie, nach Naturprodukten aus streng
biologischem Anbau (und möglicherweise auch nach Schäfchen als
natürliche Schlaftablettenalternative)?
Ich glaube fast: nein. Der Praska dürfte mehr einen Stilmix
im Auge haben, wenn er penibel gemalte Personen mit abstrakten
Pinselstrichen und dem naiven grafischen Idiom der Kinder
ziemlich beliebig vermengt. In scheinbarer Virtuosität. So als
hätte er einen extrem realistischen Eidotter, weiße Farbe
(Milch), weißes Pigment (Mehl und Zucker) und ein paar
kitschig naive Erdbeeren auf ein Backblech geworfen, aber er
hätte vorher nicht umgerührt. Das ist keine Synthese, kein
Kuchen. Das heißt freilich nicht, dass er kein Ei aufschlagen
kann.
Vor den Aquarellen und Ölbildern von Franziska Ma-
derthaner schmilzt der wehrlose Betrachter hingegen einfach
dahin und bleibt als Lackerl auf dem Boden liegen.
Gewissermaßen. Etwa wenn Maderthaner während der
Museums-Rushhour (der Vernissage) den Besuchern auf die
flüchtigen Füße schaut und in den Schatten auf dem Fußboden
dieser "Indoor-Fußgängerzone" das eigentliche Kunstwerk
entdeckt: einen psychedelischen Rorschachtest aus süffig
ineinanderrinnenden, atemberaubenden Farben. Lass’ ich mich da
gerade von effekthascherischer Malbravour einkochen?
Vielleicht. Ich bin eben auch nur ein Mensch mit einem
Geschmack.
Galerie Atrium ed Arte:
Wenn die Geometrie heiratet
Ich glaube ja, dass das alles irgendwie mit Erotik zu tun
hat. Zumindest mit Yin und Yang und damit, was die beiden so
tun. Oder fusioniert beim Hazem El Mesti- kawyicht immer etwas
zum wunschlosen Glück (sozusagen), zu so etwas wie einer
"Einheit des Uranfangs"?
Seine neun dreidimensionalen Quadrate beispielsweise
(Schachteln). Die setzen sich doch aus 18 Einzelteilen
zusammen. Und je zwei Teile heiraten restlos. Wenn man sie
zusammensteckt, bleibt kein Zwischenraum übrig. Der
"männliche" Deckel, an dem der Großteil des positiven Volumens
dranhängt, füllt die empfangende Schachtel komplett, also
befriedigend aus. Und keiner von beiden kann fremdgehen. Wenn
das nicht etwas philosophisch Poetisches hat. Diese strengen,
präzisen, stillen Skulpturen aus Karton, in denen El Mestikawy
mit größter, variantenreichster formaler Feinheit die komplexe
Einfachheit feiert, sind ganz eindeutig sensible
Liebesvereinigungen geometrischer Formen. Bis 30. April im
Atrium ed Arte (Lerchenfelder Straße 31).
Freitag, 22. April
2005