| Salzburger Nachrichten am 23. Oktober 2006 - Bereich: Kultur
Faszination der Bühne Einen großen Auftritt
verschafft die Schirn Kunsthalle in Frankfurt Pablo Picasso. Max Hollein
zeigt die große Ausstellung "Picasso und das Theater".
ernst p. stroblfrankfurt/main (SN). Der 125. Geburtstag Pablo Picassos
wird europaweit mit einer ganzen Reihe von Ausstellungen gefeiert. Da
trifft es sich gut, dass Picasso (1881-1973) ein überaus produktiver
Künstler war mit einer kaum überschaubaren Anzahl von Werken. Das
ermöglicht den verschiedenen Institutionen, das Werk in einzelnen
thematischen Ausstellungen zu zeigen und dennoch Hallenwände zu füllen.
Ein Beispiel ist die aktuelle Ausstellung in der Albertina, "Malen gegen
die Zeit" mit Beispielen aus dem Spätwerk des Künstlers. Die Frankfurter Schirn Kunsthalle rückt mit "Picasso und das Theater"
die Inspiration, welche die Bühne und ihre Formenvielfalt in frühen Jahren
auf Picasso ausübte, ins Zentrum einer großartigen Ausstellung. Am Samstag
eröffnete Schirn-Direktor Max Hollein die Schau, die einen faszinierenden
Überblick zum vielschichtigen Frühwerk gibt. Picasso war dem Theater leidenschaftlich zugetan Olivier Berggruen, der
Kurator der Ausstellung, hat für die Schirn Kunsthalle rund 140 Werke,
Zeichnungen, Skizzen, Fotografien und Dokumente aus aller Welt
zusammengetragen. Viele der Leihgaben seien das erste Mal öffentlich zu
sehen, sagte Schirn-Direktor Max Hollein. Im Wesentlichen stammen die
Werke aus den Jahren 1900 bis 1924 und dokumentieren anschaulich, wie
leidenschaftlich und engagiert Picasso dem Theater verbunden war. Gezeigt
werden außer Gemälden und Zeichnungen auch Bühnenbilder und Kostüme und
zudem reizvolle Videos, welche die eigenwilligen theatralischen
Bilderwelten rekonstruieren. Häufig stellte Picasso in seinen jungen Jahren die Welt der Harlekine,
Gaukler und Pierrots dar. Nicht nur in biografischer Hinsicht nahm die
Welt des Balletts den jungen Spanier gefangen. Olga Koklowa, seine erste
Frau, war Tänzerin der Ballets Russe von Serge Diaghilew. Aus dem Jahr
1900 stammt das dynamisch-exotische Bild der Tänzerin Sada Yacco. Mit dem Aufsehen erregenden Ballett "Parade" 1917 begann eine
fruchtbare Zusammenarbeit mit Diaghilew. Picasso entwarf Bühnenbilder,
Kostüme und monumentale Bühnenvorhänge, auch für die Choreografien von "Le
Tricorne" (1919) und "Pulcinella" (1920). Picasso schloss Freundschaften
mit schöpferischen Menschen, von Jean Cocteau über Erik Satie, von
Strawinsky bis Manuel de Falla. Erstaunlich "klassische" Porträtzeichungen
- teilweise nach Fotografien - wirken wie eine Randnotiz dieser Zeit.
Stilistisch wanderte Picasso in seinem Frühwerk zwischen den Welten,
klassizistische Abbildungen wechseln mit kubistischer Verfremdung, stets
bleibt die künstlerische Pranke unverkennbar. Themenausstellungen interessieren Tausende Die Ausstellung in der
Schirn vereint die wenigen erhaltenen Schwarz-Weiß-Fotografien mit den
Skizzen und Entwürfen, den Kostümen und Bühnenfiguren zu einem Einblick in
eine Werkstatt der großen Experimentierfreude, welche auch auf das
"übrige" Schaffen großen Einfluss nahm. Dies zeigt sich nicht nur wegen
des großen Formats, sondern auch in der Art, wie theatralische Bewegungen
und Körperhaltungen auf Werke wie "Laufende Frauen am Strand"
abfärbten. Mit der Schau "Picasso und das Theater" setzt Max Hollein die
programmatische Linie der Schirn Kunsthalle fort, in Frankfurt nicht
Sammlungen anzuhäufen, sondern thematische Ausstellungen zu entwickeln und
auch andere Institutionen dafür zu interessieren. 400.000 Besucher im
Vorjahr beweisen die Neugier an dieser intelligenten Art heutiger
Präsentationsformen.Picasso und das Theater, bis 21. 1. 2007.
Frankfurt/Main. www.schirn.de |