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712--Documenta fordert mehr Wissen und
Toleranz
Wenn Joseph Beuys noch leben würde, müßte er auf der
nächsten Documenta dabei sein. Denn was Okwui Enwezor, der künstlerische Leiter
der in knapp neun Monaten beginnenden Ausstellung, von sich gibt, klingt wie ein
modernisierter, von allen Pathos und Schamanentum entschlackter Beuys. Beuys
wollte immer, dass Kunst und Politik diskursartig ineinander greifen und seine
documenta-Beiträge wie die Freie Universität (1972), die Honigpumpe (1977) oder
die 7000 Eichen (1982) zielten genau auf dieses Anliegen. Souverän und
mediengewandt wie ein Politiker, und damit adäquat für unsere Zeit, trägt nun
Okwui Enwezor sehr ähnliche Botschaften vor. Sie klingen heute allerdings
erheblich einleuchtender und auch pragmatischer. Was bei Beuys, auch für ihn
selber, noch Utopie war, erscheint nun schlagartig als politische Notwendigkeit.
Nur gelegentlich streift Enwezor den Flugzeuganschlag auf das World
Trade Center von vor zwei Tagen, und trotzdem bietet ihm der Anschlag auf New
York und Amerika die Folie für die Aktualität und Richtigkeit seines Konzeptes,
denn “nun besteht die Möglichkeit, noch ernsthafter über das nachzudenken, was
der Plattform zugrunde liegt”.
Die Plattform ist jenes im Vorfeld der
Documenta durch die Welt tourende Workshop- und Vortragsprogramm, das nun in
Berlin angekommen ist. (Daten und
Programm hier) Es geht Enwezor nicht darum, die “Welt zu visualisieren”,
sondern zu problematisieren, wie man “mit kulturellen Differenzen umgehen kann”.
Und hier hat man in den USA, in Europa oder in Afrika durchaus völlig
verschiedene Ansichten. Er will keine Kultur und keine Kunst reisen lassen, er
will nichts vorführen, sondern er will ernsthafte multikulturelle Diskurse in
Gang setzen. Dazu dient die Documenta als “eine neue Art der Öffentlichkeit” und
als Ort der “Wissensproduktion” über das, was auf der Welt vor sich geht. Die
Kunst ist nicht autonom und Politik ist durchaus auch ein “Medium für die
Kunst”. Nichts anderes sagte und lebte Beuys, nur dass er immer wie ein
deutscher Künstler aussah und sehr viel mehr und langatmigere Sätze benötigte.
Okwui Enwezor dagegen könnte auch morgen vor der UNO sprechen und man würde ihm
zuhören. Vielleicht ist er der erste Documenta-Leiter, der hinterher Politiker
wird. Ganz aktuell streift er wieder New York, wenn er “den Wettbewerb zwischen
christlichen und islamischen Werten, zwischen christlichen und anderen Werten
als Kampf um die Vormachtstellung” geißelt. Das Wort “Toleranz” fällt.
Die Documenta kann nach den Ereignissen von vorgestern eigentlich nichts
anderes mehr werden als eine riesige Aufarbeitung des New Yorker
Flugzeugattentates. Es wird allerdings nicht als Schatten über Kassel liegen,
sondern als Bestätigung dafür, dass die Diskurse sich ändern müssen. “Wir wollen
keine Theorie produzieren”, stellt Enwezor klar und grenzt sich damit - ganz
beiläufig - gegen die letzte Documenta von Catherine David ab. Und dann nennt er
noch, nicht ohne den Augenblick zu genießen, hochoffiziell den ersten
Documenta-Künstler und hält auch gleich das Werk in die Luft: Thomas Hirschhorn
produziert ein achtseitiges Künstlerblatt, eine Kooperation zwischen dem
französischen Papierprojekt “Point d’ironie” und
der Documenta11, das am 9. Oktober 2001 zum Auftakt der Berliner
Documenta11-Plattform in einer Auflage von irgendetwas zwischen 500.000 und
einer Million Exemplaren erscheinen soll (siehe mittlere Abbildung).
Überhaupt spricht Enwezor häufig von Zusammenarbeit, zum Beispiel mit
dem DAAD, in dessen Jury er jetzt auch sitzt. Langsam wird klar, dass die
Documenta als Institution auf dem Weg ist, ein übergeordnetes Koordinierungsbüro
zu werden und nicht mehr als eine allmächtige Ausstellung fungiert, deren
Hauptaufgabe sich oft darin manifestierte, Künstlerpositionen und damit Namen zu
produzieren. Es sieht so aus, als ob uns die Künstlerliste diesmal nur am Rande
interessieren wird; es hat auch keiner danach gefragt.
| Christoph Blase |
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