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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
01. November 2004
20:04 MEZ
Von
Bert Rebhandl

"3'"
Schirn
bis 2. Jänner 2005
Katalog 29,50 Euro.
 
Foto: APA7dpa/EPA/Frank May
Großaufnahmen in einer Dunkelkammer: Eine US-Blaskapelle als rätselhaftes Ensemble in "Johnny" von Teresa Hubbard/ Alexander Birchler, einem der Drei-Minuten-Kunst-Clips in der Frankfurter Schirn.

Drei Minuten bis zur Ähnlichkeit
Kuratorisches Experiment an der Frankfurter Kunsthalle Schirn: Internationale Künstler gestalten Kurzfilme, nicht länger als drei Minuten

Frankfurt/Main - Drei Minuten sind im Kunstbetrieb eine lange Zeit. Drei Minuten Verweildauer vor einem Werk stören den Wanderbetrieb in den zeitgenössischen Großausstellungen. Drei Minuten sind ein Format der Kontemplation, aber auch eines der Intensität.

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn hat nun zehn Künstler mit jeweils einem Kurzfilm beauftragt, für den nur eine Konstante festgelegt war: drei Minuten Dauer. Entsprechend prägnant heißt auch die von Martina Weinhart, Max Hollein und Hans-Ulrich Obrist kuratierte Ausstellung, die daraus resultiert: 3'.

Eine halbe Stunde dauert die Videoprojektion, in der diese Arbeiten gesammelt sind, in einem von der New Yorker Gruppe Asymptote gestalteten Raum, dessen kühle Sciencefiction-Modernität jeden Bezug zum herkömmlichen Kinoerlebnis ausdrücklich zurückweist. Hier geht es um Kunst, also auch wieder um die Gesellschaft, in der viele Informationen schnell zu verarbeiten sind.

Die wichtigste Information bei einer Ausstellung wie dieser ist allerdings die Künstlerliste: Sie umfasst Doug Aitken, Jonas Akerlund, Teresa Hubbard/Alexander Birchler, Isaac Julien, Sarah Morris, Philippe Parreno, RothStauffenberg, Anri Sala, Markus Schinwald und Yang Fudong. Es geht um etablierte Kräfte, die mit dem Medium Video vertraut sind, in einigen Fällen sogar mit Filmmaterial.

Der stärkste Effekt, der sich nach dem halbstündigen Programm einstellt, ist der einer seltsamen Konformität. Die Arbeiten sehen einander noch dort ähnlich, wo sie stark auf Unterscheidung zielen. Die kurze Zeitspanne lässt zwei prinzipielle Strategien zu: Man kann versuchen, so viel wie möglich hineinzupacken - das führt zu komprimiertem Surrealismus, der in Sarajevo von RothStauffenberg in Beliebigkeit umschlägt, in Doug Aitkens The Moment hingegen in eine schöne Bewusstseinsstudie über den Moment des Aufwachens.

Die zweite Strategie ist ein Blick, der drei Minuten unverwandt auf einen Gegenstand gerichtet ist: Philippe Parreno hat in The Power Station eine von innen beleuchtete Halle an einem Gewässer gefilmt, vor einem Nachthimmel, über den sich manchmal Lichtpunkte bewegen. Eine Atmosphäre der Erwartung wird von diesem Video evoziert, der Vorschein einer unheimlichen Begegnung, die vermutlich nie stattfinden wird.

Nähe zur Werbung

Ein Wesen von einem anderen Stern taucht dagegen in Isaac Juliens Encore II: (Radioactive) auf, in dem eine Frau einen Strand entlanggeht, in einem Bildnegativ, das ihr den Charakter einer Außerirdischen gibt. Julien, ein belesener Kulturtheoretiker, bezieht sich auf die Schriften der schwarzen Autorin Octavia Butler und auf David Bowie in Starman, aber er kommt dabei der Werbung gefährlich nahe.

Das ist vermutlich sogar beabsichtigt, denn das Video ist längst nicht mehr die autonome Ausdrucksform, als die es einmal so viele Hoffnungen hervorrief. Der Spot und der Clip sind die Formate, zwischen denen sich die Arbeiten von 3' behaupten müssen.

Jonas Akerlund versucht dies, indem er sein Musikvideomaterial für Metallica mit einer zweiten Erzählung versieht, in der ein rauer amerikanischer Sozialrealismus durchscheint - eine allein erziehende Frau, die als Stripperin arbeitet, bekommt aus dem Off auf der Tonspur gegen die Metal-Musik eine eigene Stimme. Akerlund bearbeitet die zirkuläre Struktur seiner Bilder, indem er ihnen eine neue Bedeutung und einen neuen Kontext zuweist. Das funktioniert jedoch nur auf einer Ebene des Kurzzeitgedächtnisses. Die Verbindung zur Geschichte des Avantgardefilms zumal ist nahezu abgebrochen.

Sarah Morris baut in ihre satirische Collage Los Angeles ein paar Bilder vom Rande einer Oscar-Verleihung ein, aber das ist bloße Mythologie. Anri Sala erzielt mit Cymbal, einem schwarz-weiß gefilmten Trommelbecken, einen ähnlichen Effekt, wie ihn Peter Kubelka in Arnulf Rainer auf die erste Abstraktion zwischen Filmkadern zurückgeführt hatte. Aber bei Anri Sala ist es ein Effekt ohne Substanz - "l'image pour l'image".

Das ist auch das heimliche Motiv der Ausstellung: Ein Bild ist besser als kein Bild, zwei Bilder sind besser als eines. Die drei Minuten werden zum Format der Redundanz: Keiner der Filme enthält den Grund für seine Existenz in sich, als eine überzeugende Idee oder ein Moment der Selbstreflexion. Sie sind aber nicht zwecklos. Sie sind Auftragskunst mit dem Zweck, den Stillstand zu übermalen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.10.2004)


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