Eine Ausstellung namens "Strich Zeichnung Bild"
lässt bereits eine Abfolge vermuten, die den Entstehungsprozess von Kunst
beschreibt. Doch dieser theoretischen Linie folgt die Schau der
Bawag-Foundation keineswegs.
Da ist zuerst der Schweizer Altmeister der Palindromdichtung, André
Thomkins (1930 – 1985), der nicht nur Worte und Sätze bildete, die von
hinten und vorne zu lesen sind, sondern auch malte. Seine Werke aus
"Lackskin" im wässrigen Untergrund, die zufällig ein schönes Ornament
zwischen Abstraktion und Figuration bilden, erinnern an Schulexperimente
für Bucheinbände.
Dazu kommen die beiden Österreicherinnen, Maria Brunner und Trixi
Groiss, Heimo Zobernig als einzig hier bekannter Name, Olaf Metzel aus
Deutschland, Béatrice Cussol aus Frankreich und zwei Amerikaner, Lucas
Ajemian und Mike Bouchet.
Verspielt narrativ
Was diese unterschiedlichen Künstler verbindet? Der Künstler und
Kurator Axel Huber, ehedem Leiter der Villa Arson in Nizza, beschreibt
diese sehr persönliche Auswahl als "inspiriert", da sie jeweils "radikal
individualistische Haltungen" vertreten. Das ist wenig erhellend. Ein
Kurator mit inhaltlichem oder theoretischem Anspruch ist offenbar momentan
völlig "out". Phantastisches und verspielt Narratives sind wieder gekehrt.
Aber angeblich geht es hier nicht um Zeitgeist, sondern um Widerstand.
Vielleicht sind auch die Widersprüche bereits ins modisch ironische
Grundkonzept integriert und das "Anything goes" eines Katalogtextes aus
den 60er und 70er Jahren wieder wesentlich. Klare Statements gibt es wegen
intellektueller Hintergründigkeit nicht; Besucher haben es also schwer.
Augenfänger
Auf einem Transparent links oberhalb des Hauses ist eine Annäherung von
Heimo Zobernig an die unleserlichen Schriftgestaltungen seiner Kollegin
Eva Schlegel zu finden. Mit etwas Konzentration lässt sich allerdings die
Überblendung von "Eyecatcher/Augenfänger" lesen.
Drinnen löscht dann Lucas Ajemian aus Zeitungen mit Übermalungen die
Artikel und lässt Personen auch einzeln stehen. Manchmal bleibt nur eine
Geste, eine Headline konterkariert. Löschen wird zum Malermythos, den
schon Arnulf Rainer strapazierte.
Wenn Schrift und surreale Flaschen in Verbindung mit weiblichen Brüsten
in hellbraunem Aquarellton auftreten, dann steckt dies Mike Bouchets
Umgang mit zuckerfreiem Coca-Cola als Malmittel dahinter.
Und Olaf Metzel arbeitet gleich mit der Bohrmaschine – seine abstrakten
Bilder sind haltbare Brutalität im Relief. Maria Brunner malt einzelne
Motive mit Ölfarben auf riesigen Papieren: vor viel Weiß erscheinen Vögel,
Pflanzen, Augen, Tropfen mit hyperrealistischen Glanzeffekten, jedoch
perspektivisch aus dem Lot.
Ähnlich viel weißer Hintergrund tut sich auch hinter Béatrice Cussols
erotischen Visionen auf – es sind großköpfige Märchenfiguren in Aquarell.
All das sind bloß alte Techniken, ein wenig surreal-phantastische
Tendenzen der Sechziger, wenngleich die Gegenstände und Figuren
unharmonisch, fragmentiert und durch den Raum schwebend verteilt sind.
Auch bei der in Köln und Berlin lebenden Trixi Groiss ist nur die
Queer- und Genderproblematik neu, die akribischen Bleistiftzeichnungen
Tätowierter ("100 nackte Männer") könnten auch in der "Wiener Schule des
phantastischen Realismus" entstanden sein – und die hatte bekanntlich an
die fünf abebbende Wellen bis in die Siebziger.
Wohin will die BawagFoundation mit modischer Wiederkehr des Figuralen
oder Narrativen, das sich im Dilemma der Kuratoren in scheinbar
geistreiche Beliebigkeit verliert?
Ausstellung
Strich Zeichnung Bild
Axel Huber (Kurator)
BAWAG Foundation
bis 25. Feber
Gelungene Wiederkehr des Figuralen.
Samstag, 31. Dezember
2005