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Doppelleben für Neokons-Spießer

27.08.2009 | 18:37 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Ein Bauarbeiter fand in der Kunstakademie einen Erhängten – und hielt ihn für eine Installation.

Da steht er nun, mit grauem Maßanzug, Hut und Aktentasche, leicht nach vorne geneigt, am Dachrand eines Hauses Ecke Getreidemarkt/Babenbergergasse. Und scheint zu überlegen – soll er springen, soll er nicht? Er wird nicht, er ist eine Puppe, eine Installation des Künstlers Ronald Kodritsch, die kommenden Dienstag vom KÖR (Wiens Verein für Kunst im öffentlichen Raum) präsentiert wird. „Reason to believe“ heißt die heikle Angelegenheit, die laut Pressetext „den Kapitalismus und die Ausbeutung, auch die Eigenausbeutung“ infrage stellen sollen.

Das Bild zur Krise also endlich? Etwas spät und mehr spektakulär als originell. Denkt man etwa an den „Hanging Man“, den David Cerny schon seit 1996 in der Prager City baumeln lässt, an einer Hand von einer Eisenstange hängend. Hier kam es anfangs übrigens zu ziemlichen Irritationen der Passanten, mittlerweile regt der baumelnde Sigmund Freud niemanden mehr auf. Und auch an Kodritschs makabres Mahnmal wird man sich gewöhnen. Hoffentlich nicht so wie in Budapest, wo vor ein paar Jahren ein Bauarbeiter in der Kunstakademie einen Erhängten fand – und ihn erst für eine Skulptur hielt. Ein Einzelfall in speziellem Umfeld.

Interessant an Kodritschs plakativem Statement aber ist vor allem, dass bildenden Künstlern zur Krise anscheinend nicht viel mehr einfällt, als in völliger Naivität gerade das böse neoliberale, turbokapitalistische System zu geißeln, dem sie die größte Freiheit in der Geschichte verdanken.

Und schon wird man ins Kehlmann-Winkerl gestellt. Der junge Autor wird durch seine Abrechnung mit dem Regietheater in Salzburg gerade zur Identifikationsfigur einer neuen neokonservativen Welle stilisiert. Und plötzlich sieht man überall Indizien dafür: Ist nicht gegenständliche Malerei wieder angesagt? Übernimmt nicht Hartmann das Burgtheater? Und heiraten nicht plötzlich wieder mehr Leute? Stimmt.

Das einzige Problem an dieser Welle: Sie ist ein ruhiges Meer. Nur wurde der wohlstandsverschuldete Konservativismus der Post-68er-Generationen von den Eltern als „Politikverdrossenheit“ getarnt. Aber auch als neokonservativer Spießer muss man noch lange nicht zu denen gehören, die Schnitzler nur in Originalkostümen sehen wollen, lettische Konzeptkunst zum Schreien finden und sich nur an gediegenem Kunsthandwerk erbauen, wie Kehlmann. Fiel er in der bildenden Kunst bisher doch vor allem dadurch auf, dass er seit Jahren eine erfolglose Kampagne zugunsten eines anscheinend ewig verkannten Wiener Zeichengenies führt.

Nein, wir neokonservativen Spießer verkraften es durchaus, wenn unsere Wertvorstellungen in der Kunst regelmäßig zerfetzt werden. Wir genießen das sogar. Nur durch derartig romantische Provokationen wird diese Existenz ohne Utopien überhaupt erst erträglich. Nur so stürzen wir uns sicher nicht vom Hausdach. Wir glauben an unsere Ersatzreligion – an ein anarchistisches Doppelleben in der Kunst.


almuth.spiegler@diepresse.com

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