
Letztendlich wagte es die Jury - Obrist, Akiko Miyake und Daniel Birnbaum - vor zwei Jahren aber doch. Nachdem Lassnigs Bedenken, vor einer 176 Quadratmeter großen Fläche herumkraxeln zu müssen, ausgeräumt und die technischen Details der Reproduktion vollkommen klar waren, durchstöberte diese ihr Werk auf Opernbezüge - und wurde fündig.
Ganz neu ist "Frühstück mit Ohr" daher nicht. Leider. Die 1967 entstandene Arbeit hat auch eine unwesentlich ältere Zwillingsschwester: "Frühstück mit Ei" kaufte der befreundete Komponist Alfred Brendel, um sich anschließend zu ärgern: Hätte er doch viel lieber das am Teller servierte Ohr sein Eigen genannt.
Der appetitliche Gabelbissen des Lassnig'schen Frühstücks ist eine Paraphrase auf Manets "Frühstück im Grünen". Statt zweier nackter Frauen, die sich mit ihren Liebhabern am Seine-Ufer laben, tummeln sich hier innereiengefüllte Fleischwolf-Hühnerschenkel-Mutanten vor kargem "Ohren-Schmaus" auf tiefroter Picknickdecke. "Das Ohr", erklärt die Meisterin der Körpergefühlsbilder, "ist wegen des Lärms, unter dem ich immer wieder gelitten habe."
Nicht ganz ironiefrei also, wenn dieses
Dokument selbst gewählter Taubheit nun in den Musikpausen vor den Augen
der Opernbesucher erscheint. Als junges Mädchen sei sie, erzählt
Lassnig, oft in die Oper gegangen. Mit der Konzentration auf die
Malerei wurden die Besuche rarer, sie sei aber immer "ganz Feuer und
Flamme" gewesen. Der 16 Tonnen schwere "safety curtain", so will es
seine Brandschutzfunktion, wird zu verhindern wissen, dass einmal
solche Begeisterungsflammen das ganze Haus anzünden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.9.2005)