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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
01. September 2005
19:23 MESZ
Von
Anne Katrin Feßler  
Foto: museum in progress
"Frühstück mit Ohr": Maria Lassnigs Abneigung gegenüber Lärm zeigt sich am eisernen Vorhang der Staatsoper.

Ohren-Schmaus oder Eierspeis
Was es heißt, wenn lang gehegte Jury-Träume in Erfüllung gehen: Der Staatsopernvorhang von Maria Lassnig

Wien - Was es heißt, wenn lang gehegte Jury-Träume endlich in Erfüllung gehen, ist ab nun in der Staatsoper zu sehen: Ein Bild von Österreichs großer alter Dame der Malerei, Maria Lassnig, ziert bis zum Sommer 2006 den eisernen Vorhang. Das Original Rudolf Eisenmengers ist wegen dessen Tätigkeit in der NS-Zeit umstritten. Siebenmal wurde es bisher in Kooperation mit dem "museum in progress" von Künstlern verhüllt. Trotzdem kam es erst jetzt zur Zusammenarbeit mit Lassnig. Warum, begründet Jurymitglied Hans Ulrich Obrist gegenüber dem STANDARD mit Schüchternheit: "Wir wagten nicht, Lassnig zu fragen."

Letztendlich wagte es die Jury - Obrist, Akiko Miyake und Daniel Birnbaum - vor zwei Jahren aber doch. Nachdem Lassnigs Bedenken, vor einer 176 Quadratmeter großen Fläche herumkraxeln zu müssen, ausgeräumt und die technischen Details der Reproduktion vollkommen klar waren, durchstöberte diese ihr Werk auf Opernbezüge - und wurde fündig.

Ganz neu ist "Frühstück mit Ohr" daher nicht. Leider. Die 1967 entstandene Arbeit hat auch eine unwesentlich ältere Zwillingsschwester: "Frühstück mit Ei" kaufte der befreundete Komponist Alfred Brendel, um sich anschließend zu ärgern: Hätte er doch viel lieber das am Teller servierte Ohr sein Eigen genannt.

Der appetitliche Gabelbissen des Lassnig'schen Frühstücks ist eine Paraphrase auf Manets "Frühstück im Grünen". Statt zweier nackter Frauen, die sich mit ihren Liebhabern am Seine-Ufer laben, tummeln sich hier innereiengefüllte Fleischwolf-Hühnerschenkel-Mutanten vor kargem "Ohren-Schmaus" auf tiefroter Picknickdecke. "Das Ohr", erklärt die Meisterin der Körpergefühlsbilder, "ist wegen des Lärms, unter dem ich immer wieder gelitten habe."

Nicht ganz ironiefrei also, wenn dieses Dokument selbst gewählter Taubheit nun in den Musikpausen vor den Augen der Opernbesucher erscheint. Als junges Mädchen sei sie, erzählt Lassnig, oft in die Oper gegangen. Mit der Konzentration auf die Malerei wurden die Besuche rarer, sie sei aber immer "ganz Feuer und Flamme" gewesen. Der 16 Tonnen schwere "safety curtain", so will es seine Brandschutzfunktion, wird zu verhindern wissen, dass einmal solche Begeisterungsflammen das ganze Haus anzünden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.9.2005)


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