Alle internationalen Großausstellungen über die
Wiener Kultur des Fin de siècle – sei es in New York, Paris, Hamburg oder
in Wien selbst – waren wahre Publikumsmagneten. Jene Jahre des politischen
Niedergangs und der gleichzeitigen kulturellen Hochblüte üben eben immer
wieder eine Faszination aus. So wird auch die noch bis zum 25. Jänner in
den Galeries nationales du Grand Palais, in der Avenue des Champs Élysées
laufende Exposition wieder einen Besucherrekord erzielen.
Dank der guten Beziehungen zwischen der Privatstiftung Leopold und der
Österreichischen Galerie im Belvedere mit den Galeries Nationales und der
Unterstützung des Luxuswarenkonzerns LVMH können nun in Paris fast
einhundert Gemälde und eine ähnliche Anzahl Zeichnungen von Klimt,
Schiele, Kolo Moser und Kokoschka bewundert werden, gruppiert in drei
Bereiche: Symbolik, Landschaften und Portraits. # Verborgende Bilder,
weltweit verstreut
Zunächst das Positive, das Zusammenführen von Werken der vier Maler aus
24 Museen auf drei Kontinenten und weiteren Privatsammlungen an einen Ort:
Zwar kommt die Mehrzahl der Gemälde und Zeichnungen aus Wien, dem Leopold
Museum und dem Belvedere. Aber etwa ein gutes Drittel der ausgestellten
Werke sind bestenfalls aus Abbildungen in Büchern bekannt.
Im Themenkreis "Histoires" wären das etwa die "Drei Lebensalter" von
Klimt (1905) aus Rom, oder sein in einer mit Stoffen überquellenden Wiege
liegendes "Baby" (1917) aus Washington, die hellfarbenen, naturalistischen
"Zwei Mädchen" von Kolo Moser (1913) aus Bern, Kokoschkas dramatische und
wenige christliche Symbole enthaltende "Verkündigung" (1911) aus Dortmund,
sein "Doppelakt" (1913), eine frühe Emanation seiner Liebe zu Anna Mahler,
aus Boston.
Der Themenkreis "Paysages" vereint etwa Klimts "Tannenwald I" (1901)
aus Zug mit seinen "Rosen unter Bäumen" (1905) aus Paris und mit Schieles
"Krumauer Häuserbogen" (1915) aus Jerusalem.
Der Teil "Figures" beginnt mit Klimts historizistischem Frühwerk und
führt seine unterschiedlichen Interpretationen von Menschen, aber auch
ihrer nächsten Umgebung, vor Augen. Der Bogen reicht von "Josef Pembauer"
(1890, Innsbruck) über "Marie Henneberg" (1901, Halle/Saale) bis zu "Mäda
Primavesi" (1912, New York).
Bilder, gemalt mit viel Aufmerksamkeit
An den Kleidern dieser beiden Damen wie an dem von Hermine Gallia
(1903, London) lässt sich Klimts phänomenale Begabung als Maler der
Weisheit studieren – wofür auch die besten Abbildungen in Büchern oder
Internet-Galerien nur schwache Eindrücke vermitteln.
Schiele ist etwa mit seinen Portraits von "Erich Lederer" (1915, Basel)
und "Edith Schiele" (1915, Den Haag) vertreten, auch bei ihm scheint in
diesen Werken der Bekleidung die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet zu sein
wie dem dargestellten Menschen.
Kokoschka ist in diesem Teil vertreten etwa mit dem Portrait von
"Bessie Bruce-Loos" (1910, Berlin), seinem "Doppelporträt mit Alma Mahler"
(1912, Essen), und dem "Mädchenbildnis" (1913, Salzburg). Seine "Puppe,
Alma", aus einer Londoner Privatsammlung, ist datiert mit 1918 das jüngste
Gemälde der Schau.
Bis zu drei Stunden Wartezeit beim Eintritt
Schon aus dieser selektiven, puren Aufzählung dieser Werke und ihrer
heutigen Provenienz, ist das erst- und wahrscheinlich einmalige dieser
Ausstellung zu erahnen. Was vor einem Jahrhundert in Wien entstanden ist
und hier in wenigen Salons verborgen war, bevor es durch Politik und
Verarmung auf die halbe Welt verstreut wurde, ist für einige Monate in
einer Schau zusammengefügt und zugänglich. Leider nicht in Wien.
Jetzt das Negative: Zunächst gibt es keines der frühen
Landschaftsbilder Kokoschkas (z. B. "Tre Croce") zu sehen. Unverständlich
ist auch, wie die österreichischen Leihgeber einer derart schlechten
Aufstellung der Gemälde zustimmen konnten: Sie sind in einem Nebentrakt
des Grand Palais in zahlreichen kleinen Räumen, auf mehreren Etagen
zusammengepfercht. Und: Wer keine Karten vorbestellt hat, muss sich bis zu
drei (!) Stunden anstellen, bis er endlich eingelassen wird.
Straßenmusik im
Viervierteltakt
Straßenmusikanten haben die Marktchance entdeckt und spielen nach Noten
von Mozart und Strauss. Da sie aber mehr schlecht als recht fiedeln oder
blasen, verkürzt dies das Warten in der Kälte nicht wirklich.
Die heimische Fremdenverkehrswerbung vergibt eine große Chance: Kein
Werbeplakat weist darauf hin, dass es in vielen Teilen Wiens noch so
aussieht wie 1900, niemand verteilt Wien-Prospekte an die in der Schlange
Stehenden – eine bessere Zielgruppe als diese auf Zugang zur
österreichischen Kultur wartenden Pariser und Paris-Besucher gäbe es nicht
– und der Streuverlust wäre gleich Null: Wohl jeder würde sich die
Wartezeit mit dem Lesen von "Wien wie es ist"-Informationen verkürzen und
sich so zu einer Reise dorthin anregen lassen.
Nach der Kasse die nächste Enttäuschung: Zwar gibt es den Katalog, mit
Beiträgen über die ganze Epoche, auch auf Deutsch, doch sind die
Beschriftungen in den Räumen selbst nur in Französisch, Englisch und
Spanisch, nicht aber in Deutsch.
Mittwoch, 04. Jänner
2006