Die neue Ausstellung der Kunsthalle Wien widmet sich dem deutschen Filmkünstler Hans Jürgen Syberberg
Die Nacht als Zustand der Seele
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Derart sieht der Kopf von Richard Wagner nach Dreharbeiten von Syberberg aus. Fotos: Syberberg Filmproduktion, München
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Ein Ausschnitt aus dem Werk „Die Nacht“: Die Schauspielerin Edith
Clever gibt sich dabei einer Kulturgeschichte der Trauer und des
Abschieds hin. |
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Hans Jürgen Syberberg ist in der Filmszene
umstritten, jedoch haben die Schriftstellerin Susan Sontag oder der
Philosoph Michel Foucault ihm durch ihre Texte Kultstatus zukommen
lassen. Für Syberberg ist der Kinoraum bald zu eng geworden – die
klassischen filmischen Strukturen haben ihn schon in Zeiten seiner
Kultwerke über Themen von Ludwig II., Richard Wagner bis Adolf Hitler
nicht interessiert.
Es geht ihm seit den späten Sechzigerjahren um die
Grenzüberschreitung der Gattungen und ein Auftreten im
Ausstellungsraum. Syberbergs Filme und Projekte waren zweimal auf der
Documenta vertreten. Zuletzt 1997 zeigte er in Kassel Material aus dem
Nachlass von Oskar Werner, der nun in der Kunsthalle auf einer der
Emporen seine rätselhaft schöne Stimme erhebt.
Am Weg zum Gesamtkunstwerk ist Syberberg nicht mehr allein – auch
wenn der Titel des Hauptprojekts für Wien, "Die Nacht", dies vermuten
lässt –, sondern im Teamwork mit seinen Lebensmenschen. Das ist in
erster Linie die Schauspielerin Edith Clever, die auf einer Leinwand so
hoch wie die Kunsthalle selbst, im beinahe leeren Raum, auf einer meist
schwarzen Bühne wie eine vom Mond beschienene Riesin erscheint. 1985
ist dieser Monolog über sechs Stunden in vier Teilen entstanden.
Wer die Ausdauer für diese Kulturgeschichte von Trauer und Abschied
hat, wird von Platons "Höhlengleichnis" über Goethes "West-östlichen
Diwan", Wagners Liebesbriefen an seine Ehefrauen und Musen, der letzten
Rede des Indianerhäuptlings Seattle bis Syberbergs
Kindheitserinnerungen an Nossendorf im ehemaligen Pommern belohnt. Seit
2001 ist die Wiederherstellung dieses Guts sein letztes großes
Kunstprojekt im Internet, wo bereits 50.000 Fotos online einen weiteren
Kosmos seiner maßlosen Kunstbezüge bilden.
Schwarze Ironie
Wesentlich ist die schwarze Ironie gegenüber "monströsen Genies",
dabei wird die Sprache der Clever untermalt mit musikalischen Zitaten
von Bach und Wagner. Die Kombinatorik von Bild-Text-Geste-Musik führt
durch die Dunkelheit zu einer meditativen Beschwörung. Gedehnte Zeit,
Ortlosigkeit im Dunkeln und damit Rätselhaftigkeit sind die Mittel, mit
denen Syberberg sein Publikum überbeansprucht.
Im zweiten Monolog "Ein Traum, was sonst?" kommen Musik von
Beethoven, Sirenen und eine Ansprache von Goebbels, diesmal mit Bildern
der Kriegszerstörung, zum Zuge. Die wenigen, spät einsetzenden Texte
von Literaten stammen von Euripides, Kleist und wieder Goethe.
Neben diesen Nächten als Seelenzustand der Moderne gibt es eine
Hommage Syberbergs an Projekte von Einar Schleef und einen Kinoraum, in
dem alle Filme von den frühen über Romy Schneider und Fritz Kortner,
die "Deutsche Trilogie" (von Ludwig II. über Karl May bis Hitler und
Winifred Wagner) bis zu Dokumentationen nach Tagesprogrammen
eingespielt werden. Wer als Besucher also viel Zeit mitbringt, kann ein
Universum, gespiegelt auf die Gegenwartskunst mit Film als Performance,
erleben.
Syberberg/Clever
Die Nacht. Ein Monolog
Kuratoren: Gerald Matt,
Ilse Lafer
Kuntshalle bis 30.März.
Montag, 03. März 2008
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