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derStandard.at | derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
17. Juli 2008
17:47 MESZ

Parallel zur Neupräsentation erschien der Band "Der Lyriker Egon Schiele" , der eine eher unbekannte Facette des Künstlers beleuchtet.

 

Ludwig Heinrich Jungnickel arbeitete für die Wiener Werkstätte und ist bis heute vor allem für seine Tierbilder bekannt:  "Die Marabus"  (undatiert).


Im Stolpern die Perspektive wechseln
Gut durchgemischt: Das Leopold Museum präsen­tiert seine umfangreiche Sammlung von "Kunst der Jahrhundertwende" völlig neu

Design, Grafik, Malerei des Jugendstils und expressionistische Werke werden mit einem Schielen über den Tellerrand ergänzt.

* * *

Wien – "Eine Zeit ohne Zeit. Eine Kunst ohne Kunst?"  Was mag uns dieses Motto, womöglich eine philosophische Beigabe, ein Kommentar, sagen? In der Neuaufstellung von Kunst der Jahrhundertwende – Wien 1900 – geben diese Sätze, positioniert zwischen dem ersten, den Secessionisten gewidmeten Saal und dem letzten (Erster Weltkrieg), Rätsel auf. Wird da der Spruch "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit"  weitergesponnen? Oder wird nach Vollendung des Parcours der fromme Wunsch formuliert, die rastlose Gegenwart zugunsten der Kunst auszubremsen?

Nun gut, schließlich hat das Leopold Museum eine unkonventionelle, überraschende und unorthodoxe Neupräsentation der Sammlung versprochen. Und das ist, gemessen an der Tradition des Hauses, im Groben und Ganzen gelungen. Die mal nach zentralen Künstlerfiguren (u. a. Kolo Moser, Gustav Klimt), mal nach Themen (u. a. Psychoanalyse, Expressionismus) organisierten Säle ermöglichen ein tieferes Eintauchen in die Materie. Querverweise, Bezüge zu zeitgenössischen Stilrichtungen, das Mischen der Medien, Zitate aus Musik und Literatur der Zeit – erwähnenswert hierbei ein als Faksimile präsentiertes Gedicht Egon Schieles – erweitern auf anspruchsvollem Niveau das Bild einer Epoche. Ob der flüchtige touristische Flaneur im Kleinteiligen die konsumierbare Oberfläche zu entdecken vermag?

Aber auch die mit dem Thema Vertrauteren stoßen auf Stolpersteine. Warum etwa Alfons Waldes Landschaft nach Sonnenuntergang (1925) mit den grellrosa umrandeten Wölkchen ausgerechnet mit einer der dunkelsten, traditionellsten Landschaften Kolos Mosers (Blick auf die Rax, 1907) präsentieren und nicht mit naheliegenderen Vergleichsbeispielen wie dessen flächig-monströsen rosa Wolkenungetümen (1913), die sich auf einer anderen Wand verbergen? Aufschlussreich und erheiternd hingegen die gelungene Kombination zweier Klimt-Gemälde von 1901, Schwarzer Stier und Attersee. Obgleich das Sujet unterschiedlicher nicht sein könnte, ähneln sich die Kompositionen doch sehr.

Ganz bewusst gelegte Stolperfallen sind hingegen die "Suchbilder" . Diese freilich nicht versteckten, aber auf den ersten Blick kaum als "Fremdkörper"  identifizierbaren Beispiele anderer Epochen und Kulturkreise sollen die Kontexte zusätzlich erweitern. Besonders gelungen machen sich zwei Rockmusik-Poster aus, die in den 1960er-Jahren die Ornamentsprache des Jugendstils aufgriffen, oder jene den Japonismus illustrierenden Holzschnitte des 18. und 19.Jahrhunderts. Eine Geschmacksfrage bleibt hingegen das in Kokoschkas und Schieles expressionistische Körperwelten eingebettete Fetischbild von Lisa Bufano.

Geschlossene Sarkophage

Veränderte Blickpunkte ergeben sich schließlich auch in einigen architektonischen Eingriffen, wie etwa dem Schließen der Lichtschächte – "Sarkophage" , wie sie Rudolf Leopold nennt – zwischen drittem und viertem Geschoß, die als Podeste oder Projektionsflächen eine neue Nutzung erfahren. Über ein paar Stufen öffnet sich nun – wie passend – im Saal zu Architektur und Stadt durch das Panoramafenster ein barrierefreier Blick auf die Stadt. Kontexterweiternder geht’s nicht. (Anne Katrin Feßler  / DER STANDARD,  Print-Ausgabe, 18.7.2008)


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