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29.10.2002 - Ausstellung
Cyber-Lettern für das Internet-Zeitalter
"Postscript" gibt im Wiener Künstlerhaus Einblick in die reiche Welt der Typographie - vor und nach der "zweiten Gutenberg-Revolution."
VON ISABELLA MARBOE


In Büchern, Zeitungen, Leitsystemen durch öffentliche Räume, auf Foldern, Lebensmitteln, Schallplatten, Plakaten: überall ist Schrift. Buchstaben und typographische Symbole prägen den Alltag. Doch selbst die Künstler, die die gängigsten Schriftbilder entwickelt haben, sind unbekannt. "Postscript", eine Ausstellung im Wiener Künstlerhaus, leistet nun Pionierarbeit. Wieder wird das Haus zur Plattform junger Kunst, neuer Medien und Alltagskultur.

Als sogenannte zweite Gutenberg-Revolution setzte "Postscript" Mitte der achtziger Jahre ein. Die Computer mit ihren fertigen Schriftsätzen stellten an die Typographen neue Anforderungen. Der leichte Zugang zu PC-Schriften führte zu hartem Wettbewerb und einer ungeahnten Vielfalt neuer Zeichensätze. "Wir wollen im Querschnitt zeigen, mit welchen Ansätzen heute Schriftbilder entworfen werden", so Kuratorin Eva Christina Kraus. "Der Computer raubt die Handschrift. Das schafft ein Identitätsproblem. Viele Schriften werden neu entworfen, um eine Corporate Identity zu schaffen."

Für die Künstlerhaus-Schrift schnitt Roman Breier einer "universe extended" die Serifen ab. Viele Möglichkeiten der Schriftgestaltung werden in metallener Container-Ausstellungsarchitektur und Videos vermittelt.

Lui Karner, österreichischer Typographen-Star, entwickelte mit Giovanni de Faccio die Schrift "Rialto". Sie ist an der Kalligraphie der italienischen Renaissance orientiert. Karner verlegte im Handsatz viele kleine Editionen. Die digitalisierte "Rialto" erregte international Aufsehen. Das "Rolling Stone Magazine" kaufte sie auf. Viele Schriftgestalter nehmen Anleihe an der Vergangenheit: Nico Schweizer fand am Flohmarkt eine alte Schablone, die Le Corbusier benutzt hatte. Er machte sie zum Schriftsatz "Le Corbusier".

Den Reichtum der "Thesis" erkennt man erst beim zweiten Blick. Luc de Grooth entwarf sie. Mit über 100 Schnitten ist die "Thesis" der Rekordhalter. Ein gewöhnlicher Schriftsatz hat etwa sechs Schnitte. Darunter versteht man Varianten einer Schrift wie etwa Fett, Kursiv, Unterstrichen.

Der Däne Morten Rostgaard Olsen entwickelte seinen Schriftsatz "FF Olsen" speziell für Legastheniker: ähnliche Buchstaben werden darin leichter unterscheidbar. Lettern mit visualisierter akustischer Komponente entwarf Andreas Lauhoff von der Gruppe "3deluxe". Buchstaben mit Nachhall.

Pixel-taugliche Männchen

Sehr originell ist auch der Zeichensatz peecool: Kai Vermeer und Steffen Sauerteig entwickelten ihn speziell fürs Internet. Nach dem Baukastensystem lassen sich kleine Bildelemente von 36 x 36 Pixel zu verschiedenen Männchen zusammensetzen und verschicken. Künstlerentwürfe, in Schriftbilder umgesetzt, sind in "Postscript" ebenso zu sehen wie die historische Entwicklung der Typographie.

"Schriftbilder zeichnen war früher enorm mühsam. Die Arbeit der Gruppe Meek erreicht den Gipfel der Demokratisierung," sagt Kurator Andreas Pawlik. "Sie entwickelte einen Font-Synthesizer, aus dem ein Programm ein Buchstabennetzwerk generiert. Jeder kann sich daraus bedienen."

"Postscript" macht Lust, sich mehr mit einem bis dato zu wenig beachteten Thema auseinanderzusetzen. In Vorträgen, Diskussionen und Workshops kann man bis 1. Dezember tiefer in die faszinierende Welt der Typographie eintauchen.

Bis 1. Dezember, tägl. 10 bis 18 Uhr, Do. 10 bis 21 Uhr.

http://www.postscript.at/



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