In Büchern, Zeitungen, Leitsystemen durch öffentliche
Räume, auf Foldern, Lebensmitteln, Schallplatten, Plakaten: überall ist
Schrift. Buchstaben und typographische Symbole prägen den Alltag. Doch
selbst die Künstler, die die gängigsten Schriftbilder entwickelt haben,
sind unbekannt. "Postscript", eine Ausstellung im Wiener Künstlerhaus,
leistet nun Pionierarbeit. Wieder wird das Haus zur Plattform junger
Kunst, neuer Medien und Alltagskultur.
Als sogenannte zweite Gutenberg-Revolution setzte
"Postscript" Mitte der achtziger Jahre ein. Die Computer mit ihren
fertigen Schriftsätzen stellten an die Typographen neue Anforderungen. Der
leichte Zugang zu PC-Schriften führte zu hartem Wettbewerb und einer
ungeahnten Vielfalt neuer Zeichensätze. "Wir wollen im Querschnitt zeigen,
mit welchen Ansätzen heute Schriftbilder entworfen werden", so Kuratorin
Eva Christina Kraus. "Der Computer raubt die Handschrift. Das schafft ein
Identitätsproblem. Viele Schriften werden neu entworfen, um eine Corporate
Identity zu schaffen."
Für die Künstlerhaus-Schrift schnitt Roman Breier einer
"universe extended" die Serifen ab. Viele Möglichkeiten der
Schriftgestaltung werden in metallener Container-Ausstellungsarchitektur
und Videos vermittelt.
Lui Karner, österreichischer Typographen-Star,
entwickelte mit Giovanni de Faccio die Schrift "Rialto". Sie ist an der
Kalligraphie der italienischen Renaissance orientiert. Karner verlegte im
Handsatz viele kleine Editionen. Die digitalisierte "Rialto" erregte
international Aufsehen. Das "Rolling Stone Magazine" kaufte sie auf. Viele
Schriftgestalter nehmen Anleihe an der Vergangenheit: Nico Schweizer fand
am Flohmarkt eine alte Schablone, die Le Corbusier benutzt hatte. Er
machte sie zum Schriftsatz "Le Corbusier".
Den Reichtum der "Thesis" erkennt man erst beim zweiten
Blick. Luc de Grooth entwarf sie. Mit über 100 Schnitten ist die "Thesis"
der Rekordhalter. Ein gewöhnlicher Schriftsatz hat etwa sechs Schnitte.
Darunter versteht man Varianten einer Schrift wie etwa Fett, Kursiv,
Unterstrichen.
Der Däne Morten Rostgaard Olsen entwickelte seinen
Schriftsatz "FF Olsen" speziell für Legastheniker: ähnliche Buchstaben
werden darin leichter unterscheidbar. Lettern mit visualisierter
akustischer Komponente entwarf Andreas Lauhoff von der Gruppe
"3deluxe". Buchstaben mit Nachhall.
Pixel-taugliche Männchen
Sehr originell ist auch der Zeichensatz peecool: Kai
Vermeer und Steffen Sauerteig entwickelten ihn speziell fürs Internet.
Nach dem Baukastensystem lassen sich kleine Bildelemente von 36 x 36 Pixel
zu verschiedenen Männchen zusammensetzen und verschicken.
Künstlerentwürfe, in Schriftbilder umgesetzt, sind in "Postscript" ebenso
zu sehen wie die historische Entwicklung der Typographie.
"Schriftbilder zeichnen war früher enorm mühsam. Die
Arbeit der Gruppe Meek erreicht den Gipfel der Demokratisierung," sagt
Kurator Andreas Pawlik. "Sie entwickelte einen Font-Synthesizer, aus dem
ein Programm ein Buchstabennetzwerk generiert. Jeder kann sich daraus
bedienen."
"Postscript" macht Lust, sich mehr mit einem bis dato zu
wenig beachteten Thema auseinanderzusetzen. In Vorträgen, Diskussionen und
Workshops kann man bis 1. Dezember tiefer in die faszinierende Welt
der Typographie eintauchen.
Bis 1. Dezember, tägl. 10 bis 18 Uhr, Do. 10 bis 21 Uhr.
http://www.postscript.at/
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