
Am Sonntag zu Mittag wird es mit einem großen Fest eröffnet.
Steindorf - Ob er auf das Fest kommen wird, steht noch nicht
fest. Viele Leute werden da sein, viele Ansprachen und Huldigungen
internationaler Architekturgrößen wird es geben, Live-Musik aus Kuba
wird die Stimmung befördern. Doch Günther Domenig, 74 und einer der
kantigsten Architekten Österreichs, hat sich in letzter Zeit eher
rargemacht. Er hat mit heurigem Sommer sein Steinhaus fertiggebaut,
sein Lebenswerk vollendet - und es ist, als ob er mit der Vollendung
dieses Kraftakts all das, wofür er steht, jetzt freigibt an die Welt.
Es ist wie ein Loslassen, ein Hinausschicken seiner selbst in die
Weltenläufe.
Das anfangs heftig umstrittene, von Anrainern und Gemeindehäuptlingen so ungern gelittene Stück wilder freiheitsliebender Architektur, an dem der in Kärnten geborene Architekt seit den frühen 80er-Jahren für sich gearbeitet hat, wird nicht allein sein Haus sein. Der mit keinen gängigen Maßstäben der Architekturkritik auslotbare Bau wird öffentlich genutzt werden: Als Seminarstätte für internationale Architekturschulen, als exquisiter Tagungs- und Veranstaltungsort für Unternehmen, die das Denken ihrer Mitarbeiter in etwas andere Richtungen lenken wollen.
Dafür eignet sich das Gebäude bestens, in allen Ecken, Kanten, Kurven und Niveaus legt es bloß, dass alles ganz anders gedacht und gemacht werden kann, als der Mainstream vorgibt. Es hat in sich eine Art Raserei, die am besten live erlebt werden muss. Es wirkt wie eine spektakuläre Landschaft aus Fluchten, Schluchten, Felsen und Höhlen, gemacht aus Beton, Stahl und Glas. Nackt, ohne Farbe, ohne jedes Vertuschen. Räume und Geschoßebenen fließen ineinander, üben eine Sogwirkung auf die Betrachter aus, der sich keiner entziehen kann.
Schockierend radikal
Das Steinhaus ist wie ein Architektur gewordener Bolide, wie die in
eine andere Dimension transformierte Geschwindigkeit und Bewegung. Man
mag es expressionistisch nennen oder dekonstruktivistisch. Tatsächlich
ist es "ein Spiegelbild von Domenig selbst" , wie es der kalifornische
Architektur-Superstar Thom Mayne ausdrückt: "Indem es ihm gelingt, eine
Brücke zwischen Poesie und räumlicher Erfahrung zu schlagen, verlässt
Domenigs Architektur die nüchterne Sachlichkeit und lädt uns zum
Träumen ein."
"Die Menschen" , sagt Domeninig, "sind nicht
viereckig. Sie denken und fühlen nicht viereckig. Sie bilden auch als
Gesellschaft nicht Gruppen von Stapelware." Welcher Architekturschule
er sich zugehörig fühle, fragte ihn der Standard einmal. Er antwortete:
"Das ist mir im Prinzip wurscht. Ich habe mich nie besonders für
Architekturgeschichte interessiert oder daraus Ansätze bezogen. Ich
mache einfach meine Arbeit."
Im Falle des Steinhauses machte er sie ohne die normenden Kräfte einer Bauherrschaft. Die Baustelle am Ossiacher See war stets Experimentierfeld und Labor für den charismatischen Mann. Als Architekt, so meint er, würde man für Klienten arbeiten, deren Wünschen und Bedenken man kritisch oder als Erfüllungsgehilfe begegnen könne: "Ein Künstler hingegen bestimmt die Dimension des Inhalts allein. Letzteres erlebe ich mit meinem Steinhaus."
International bekannt wurde er Anfang der 70er-Jahre mit der für ihre Zeit schockierend radikalen Z-Filiale in der Wiener Favoritenstraße. Weitere Meilensteine sind das T-Mobile Haus an der Wiener Südosttangente, vor allem aber das großartige NS-Dokumentationszentrum in Nürnberg.
Domenig unterrichtete an der TU-Graz, machte Bühnenbilder und
Skulpturen, blieb stets ein brachialer, sympathischer Einzelgänger. Man
fragt sich in freudiger Erwartung, welches Titanenwerk er nun in
Angriff nehmen wird.
(Ute Woltron / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2008)