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Kunstberichte
Gegentrend zum Spätsommer: Bregenz zeigt Ausstellung über den Schnee

Das weiße Nichts im Bild

Der Schnee als Thema und Motiv in der Kunstgeschichte und als Phänomen des Massentourismus. Im Bild: Franz Sedlaceks "Übungswiese", 1926 Foto:  Lentos Kunstmuseum, Linz

Der Schnee als Thema und Motiv in der Kunstgeschichte und als Phänomen des Massentourismus. Im Bild: Franz Sedlaceks "Übungswiese", 1926 Foto: Lentos Kunstmuseum, Linz

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Die letzte Ausstellung vor Schließung und Umbau des Vorarlberger Landesmuseums bis 2013 widmet Kurator und Direktor Tobias G. Natter einem vielschichtigen und im Sommer unerwarteten Phänomen: dem Schnee. Die Ironie, diese Schau mit dem Untertitel "Rohstoff der Kunst" mitten im Sommer anzusetzen und im Herbst ausklingen zu lassen, wirkt doppelt – gerade in diesem Bundesland, in dem sich das gefrorene Nass zum Motor des Massentourismus entwickelt hat.

Die Skischulen und das Vergnügen des Wintersports sind nur die eine Seite, die angesprochen wird bei diesem Querschnitt, der bei der biedermeierlichen Entdeckung des verschneiten Alpenraums durch Ferdinand Georg Waldmüller, Jakob Gauermann oder Thomas Ender beginnt. Später setzten Jakob Alt und Markus Pernhart sowie Caspar Wolf ihre Gipfelblicke fort.

Massenware Schnee

Nach alpinen Erstbesteigungen des Großglockners, des Watzmanns oder des Hohen Gölls um 1800 folgte die Aufnahme in erhabene und "schneeweiße" Kunst; auch Jugendstil, Symbolismus und Expressionismus liebten das weiße Nichts, das etwa bei Ferdinand Hodler, Giovanni Giacometti oder Ernst Ludwig Kirchner mit existentiellen Fragen aufgeladen wurde. Erst nach dem Einsetzen eines Massenansturms auf Skipisten malten Franz Sedlacek oder Alfons Walde teils ironische, teil mondäne Gemälde.

Ideologisch vereinnahmt wurde die Schneekultur ab 1933. Natter lässt die Zeit des Nationalsozialismus und dessen männlich rassistischem Chauvinismus nicht unter den Tisch fallen. Gerade das Skibergsteigen galt als urgermanische Lust, die sich in propagandistischen Plakaten und Filmen offenbarte.

Weder das sexistische "Skihaserl" noch das Advent-Kitschritual unserer Tage werden ausgespart. Nicht zuletzt bei der Thematisierung des Schnees als Ware, der künstlich hergestellt rein kommerzieller Nutzung dient, erkennt man das kritische Potenzial der Schau – zumal sie auch im Skiparadies Lech, im Museum Huber-Hus, einen passenden Ableger hat.

Die Gegenwartskünstler greifen teilweise auf weit vor der Aufklärung zurückliegende Zeiten zurück: Der immer noch aktuelle, schamanenhafte Künstler Joseph Beuys verweist etwa mit seinem Multiple-"Schlitten" samt Notausrüstung (1969) sogar auf die frühen Völkerwanderungen.

Voodoo-Schneemann

Einen anderen hexenhaften Initiationsritus fixierte 2004 das Künstlerpaar Lois und Franziska Weinberger, als es einen mit Wasser aus Lourdes besprengten Schneemann zum Voodoo-Objekt erklärte. Roman Signer prüft auch nächtliche Aggregatszustände und lässt Schnee wie so mancher Nachmoderner als Bild erscheinen.

Der Schnee im Bild ist schon bald nach Monet von der Malerei in die Fotografie gewandert: Da haben Albert Steiner, Wilhelm Angerer und die Neuentdeckung Norbert Bartolini dramatisch inszeniert.

Heute gilt Schnee mit Elfriede Jelinek auch als Metapher des Vergessens. Wie aktuell dieser in allen Farben schillernde Stoff bleibt, sieht Natter neben den 180 Exponaten seiner Schau mit Orhan Pamuks Roman "Schnee" bestätigt.

Aufzählung Ausstellung

Schnee. Rohstoff

der Kunst Tobias G. Natter (Kurator) Vorarlberger Landesmuseum Bregenz Bis 4. Oktober

Printausgabe vom Samstag, 05. September 2009

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