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Valie Export: "Da wäre ich ja im Irrenhaus!"

08.05.2010 | 18:43 | von Almuth Spiegler (Die Presse)

Nächsten Montag wird Valie Export 70. Die "Presse am Sonntag" traf die Ex-Skandalkünstlerin und heutige Ehrendoktorin der Kunstuni Linz auf der Wiener Kunstmesse.

Unter anderen Umständen würde ich Sie jetzt um eine Zigarette, eine Smart Export, fragen. Rauchen Sie noch?

Valie Export: (Lacht.) Nein. Schon lange nicht mehr. Ich habe aufgehört, weil ich viel zu abhängig davon war.

Sie haben bei der Wiener Kunstmesse gerade eine Sonderedition zugunsten der Linzer Kunstuni präsentiert: „Shadow“, Schatten, heißt das Blatt. Das klingt etwas melancholisch. Frustriert Sie ihr 70er oder der Gedanke an ihre Heimatstadt Linz?

Weder noch. Für mich ist „Schatten“ nicht melancholisch, sondern poetisch – die Verdoppelung, die Begleitung, das immer Vorhandene.

 

Also kein Blues zum 70er?

Nein. Die Zeit wird eben knapper. Aber das wird sie vom ersten Atemzug an.

 

Hier bei der Kunstmesse läuft im Rahmenprogramm auch ein Film von Ihnen aus den späten 60er-Jahren, „Cutting“, in dem Sie unter anderem Peter Weibel mit der Rasierklinge an die Körperbehaarung gehen. Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie diese Arbeiten sehen? Lachen oder weinen Sie?

Es ist eher zum Schmunzeln, dass man diese Sachen alle gemacht hat, dass diese Sachen alle wichtig waren. Und es immer noch sind.

Gibt es Filme, die Sie selbst nicht mehr sehen können? Etwa den Film, für den sie sich 1973 ins Fleisch unter den Fingernägeln schnitten?

Doch, das kann ich mir schon ansehen. Man verwechselt nur den Ablauf der Szenen oft, weil ich gedanklich an einem Bild hängen bleibe.

Es gibt auch keine „Jugendsünde“ unter Ihren Filmen oder Aktionen, die Sie bereuen?

Nein. Keine Reue. Jedes Werk hat auch etwas Positives, ist ein größerer oder kleinerer Stein auf dem Weg.

 

Ihre Aktionen werden heute gerne von anderen wiederholt – eine Wiener Experimentaltheatergruppe etwa hat Ihre berühmte Aktion, in der Sie Peter Weibel an der Hundeleine über die Kärntner Straße Gassi führen, umgekehrt: Jetzt kriecht die Frau auf dem Boden. Gefällt Ihnen das?

Nein, das finde ich überhaupt nicht lustig. Das hat nichts mit mir und der Sache zu tun.

 

Wie würden Sie selbst Ihre Hundeaktion heute reinszenieren?

Man müsste es anders machen. Ich weiß aber nicht, wie. Eine reine Wiederholung gäbe keinen Sinn. Obwohl sich in Sachen Gender-Debatte nicht viel geändert hat. Immer nur kleine Schritte, es dauert noch lang.

Dabei gibt es mit der neuen Mumok-Direktorin erstmals mehr weibliche Bundesmuseumsdirektoren, es gibt eine Kunstministerin, eine neue Biennale-Kommissärin...

Das sind gute Zeichen, machen ein bisserl einen Aufruhr. Aber wenn man das bedenkt: Jahrzehntelang waren in diesen Positionen nur Männer und es hat keinen Aufruhr gemacht.

Sie haben sich in vergangener Zeit auch mit der weiblichen Beschneidung beschäftigt, Interviews, Dokumentationen gemacht. Ist das immer noch ein Thema für Sie?

Ja, aber nicht mehr so intensiv. Es gibt kaum Veränderungen. Und es ist auch schwierig, sich von außen einzumischen. Betroffene Frauen sagen in Diskussionen oft, sie wollen sich nicht dreinreden lassen.

Im New Yorker MoMA hat gerade eine Ihrer Kolleginnen, Marina Abramovic, eine große Retrospektive, in der sie auch Performances von sich aus den 70er-Jahren von Tänzern wiederholen lässt. Sie selbst hat auch von Ihnen eine Aktion nachgestellt, die Genitalpanik-Hose – Sie hatten eine Hose mit offenem Schritt an und ein Gewehr in der Hand. Haben Sie die Ausstellung gesehen?

Ja, ich war bei der Eröffnung, eine sehr beeindruckende Ausstellung. Abramovic sitzt die ganze Ausstellungszeit dort an einem Tisch und man kann ihr gegenüber Platz nehmen. Ich war eine der Ersten, die das taten.

 

Und wie lange haben Sie ausgehalten?

Minutenlang. Es ging für uns beide nur darum, uns zu begrüßen.

Im Gegensatz zu Abramovic haben Sie aufgehört, mit Ihrem eigenen Körper zu arbeiten. Sie machen Installationen, beschäftigen sich mit Ephemerem wie Wellen oder Schatten. Im Vergleich zum Frühwerk wirkt das milde. Stimmt es, was Martin Kippenberger mit Bezug auf van Goghs Genie einmal sagte: Man kann sich ja nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden.

(Lacht.) Vor Kurzem habe ich einen Sammler kennengelernt, der meinte, er hätte sich mich ganz anders vorgestellt. Darauf konnte ich nur sagen: Glauben Sie, ich gehe mein ganzes Leben lang mit dem „Tapp und Tastkino“ herum? Da wäre ich ja im Irrenhaus!

 

Sie waren 2009 Biennale-Kommissärin für Österreich, wurden auch kritisiert. Würden Sie aus heutiger Sicht etwas anders machen?

Nein. Was geändert werden sollte, ist die Verwaltung. Es sollte ein ständiges Büro für die Abwicklung geben, damit nicht jede Kommissärin immer alles neu aufbauen muss, vom Sponsoring bis zur Organisation.

 

Sie haben sich mit Silvia Eiblmayr eine Kuratorin zu Hilfe genommen. Angeblich ist bei der Arbeit eine Lebensfreundschaft zwischen Ihnen beiden zerbrochen...

Freundschaften sind etwas Privates und sollten es auch bleiben.

Dann zurück in die Vergangenheit. Was wenige wissen: Sie waren auch an der „Uni-Aktion“ der Wiener Aktionisten beteiligt. In unsichtbarer Rolle: Sie haben für Weibels Performance das Licht auf- und abgedreht.

Ja, das hätte aber jeder machen können. Ich wollte wegen meiner Tochter nicht mitmachen, das war mir zu riskant. Außerdem hat mich die Gruppendynamik nicht angesprochen.

Das Sorgerecht für Ihre Tochter wurde Ihnen später aber doch noch aberkannt.

Eine gewisse Zeit lang. Es gab einen Skandal um das Buch über den Wiener Aktionismus, das Weibel und ich herausgegeben haben. Damals war es für das Jugendgericht noch ganz einfach, einen Einspruch zu machen.

 

War das ein Einschnitt, auch in Ihrem Werk?

Nein, meine Tochter war bei meiner Familie, ich habe sie immer gesehen.

 

Zur Politik hatten Sie kein nahes Verhältnis. Auch zum Künstlerkanzler Kreisky nicht?

Nein, überhaupt nicht. Ich war immer demokratisch. Nie sozialdemokratisch. Ich habe auch heute keine besondere Beziehung zur SPÖ, bin eher kritisch, weil nichts passiert. Das Interesse an Kunst ist in diesem Land nicht sehr ausgeprägt. War es auch nie.

Bei unserem Interview zu Ihrem 65.Geburtstag haben Sie Österreich noch „Frauenangst, Kleinheit und Kleinlichkeit“ bescheinigt. Hat sich etwas geändert?

Nein. Das würde ich immer noch unterschreiben.


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