Lawrence Weiner im Porträt


So gut wie alles wurde im 20. Jahrhundert zum Material für künstlerische Arbeiten erklärt. Seit Marcel Duchamp Flaschentrockner und Ähnliches als Kunstwerke, genauer gesagt, als Ready-mades, als Fundstücke aus der Wirklichkeit bezeichnete, ist es selbstverständlich geworden, Schachteln, wie etwa Andy Warhols Brillo-Boxen, Eisenstücke vom Schrottplatz oder gar ganze Landschaftsteile zu Kunst zu machen.

Lawrence Weiner
Lawrence Weiner
Seit den 60er Jahren schließlich sind Künstler wie der Ungar Josef Kosuth oder eben Lawrence Weiner noch ein Stück weiter gegangen, indem sie Sprache zum zentralen Ausdrucksmittel ihrer Arbeit gemacht haben.

Doch während Kosuth, der auch das Sigmund-Freud-Museum in Wien gestaltet hat, oft Zitate - wie eben von Freud - verwendet, sind es bei Lawrence Weiner ganz persönliche Sätze oder besser Satzkonstruktionen, die er auf Wände oder Plakate malt, die sich aber auch auf von ihm gestalteten Büchern oder auf Schallplattenumschlägen finden. Sehr oft sind es eigentümlich klingende Formulierungen wie zum Beispiel:

Reihen von zerbrochenen Flaschen in schlecht gemischten Beton gesetzt

oder

Mauern wurden dazu errichtet um Dinge darauf anzubringen.

Sculpture Projects, Münster 1997
Sculpture Projects, Münster 1997
Solche Formulierungen klingen mitunter rätselhaft, vor allem sobald der Leser nach einem tieferen Sinn sucht. Dass es einen geben könnte, das verneint Lawrence Weiner, wenn er etwa über einen von ihm gebildeten Satz sagt: "Er ist ein schönes Objekt. Für mich ist alles, was sie sagen, kein Satz, sondern ein Objekt. Er ist, was er ist."

Sätze wie Skulpturen

Poster 1994
Poster 1994
Lawrence Weiner vergleicht seine Satzkonstruktionen mit Skulpturen. Entscheidend für ihn ist, dass sie nicht metaphorisch zu verstehen sind, wie zum Beispiel Gedichtzeilen. Er möchte nicht nur Sprache als Material der Kunst darstellen, sondern auch darauf verweisen, dass Kunstwerke wie seine Transportmittel für Ideen sein können - anstatt Bilder zu malen, werden bloß Gedankenwelten weitergegeben.

Entscheidend aber ist, dass Lawrence Weiner mit seiner Arbeit in den öffentlichen Raum gegangen ist und seine auffälligen Satzkonstruktionen in verschiedensten Städten vor allem aber in New York auf Mauern und Hauswände gemalt hat, ohne sich jedoch direkt auf die jeweiligen Orte zu beziehen, wie das andere Künstler im öffentlichen Raum oft machen: "Ich arbeite vielleicht mit Materialen, die vom jeweiligen Ort stammen, aber das ist nie zeitspezifisch." Theoretisch könnten seine Sätze überall stehen, meint Weiner.

Weiner in Wien: der Flakturm im Esterhazypark im 6. Bezirk
Weiner in Wien: der Flakturm im Esterhazypark im 6. Bezirk

Und genau daraus ergibt sich eine der gängigen Interpretationen seiner Arbeit. Als Netzwerk von Gedanken kann Kunst theoretisch überall sein; vor allem dort, wo sie gewöhnlich nicht erwartet wird, nämlich auf der Straße, im öffentlichen Raum. Doch obwohl Weiner zu den hochbezahlten und international gefragtesten Künstlern zählt, meint er, ihm sei es relativ egal, ob die Menschen seine Arbeit als Kunst sehen würden oder nicht, Hauptsache sie würden funktionieren, als Art von Irritation.


Es gehe doch bloß darum, so Weiner, in welchen Zusammenhang künstlerische Arbeiten gestellt werden. Es sei doch eine ganze Industrie daran beteiligt, die den Leuten erklären würde, was Kunst sei und was nicht. Für den Künstler oder die Menschen sei das aber letztlich egal, solange die Arbeit einfach funktioniere, erklärt Lawrence Weiner, der mit seinen bis heute irritierenden Schriftarbeiten grundsätzliche Fragen der Kunst in den öffentlichen Raum transportiert.

Im Gegensatz zu Skulpturen im Stadtraum, die deutlich als Kunstwerke präsentiert werden, lässt Weiner allerdings für das an seinen Beschriftungen vorüberziehende Zufallspublikum die Frage offen, ob es sich um Malerei, um eine Botschaft oder vielleicht bloß um ein außergewöhnliches Graffiti handelt.

Tipp

"Full Circle of Lawrence Weiner" ist von 14.1. bis 26.2.2000 in der Wiener Galerie Winter zu sehen.

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