24.10.2002 18:31
Wieder einmal Fremdkörper: Der "herbst" auch im
Winter
Das steirische Festival wird am Donnerstag in
Graz eröffnet
Graz - Vor ein paar Jahren, unter Christine Frisinghelli,
widmete sich der steirische herbst dem Fremden. Beziehungsweise der
Vermischung, dem Remix als sinnstiftende Elemente. Denn, wie es Slavoj Zizek
ausdrückte: Das Andere wird schon allein dadurch, dass es als solches bezeichnet
wird, von der Wir-Gemeinschaft ausgeschlossen.
Unter Peter Oswald greift
das Festival die alte Thematik wieder auf. Weil es, wie im Programmbuch zu lesen
ist, "zunehmende Tendenzen und Bestrebungen innerhalb der Gegenwartskunst" gebe,
"von neuem existenzielle Fragen zum Ausdruck zu bringen". Allerdings macht man
einen Schritt zurück - zum Fremdkörper. Und der Intendant schreibt im
Vorwort, das Fremde diene "zusehends" dazu, sich der eigenen Identität zu
vergewissern: Es werde instrumentalisiert, um Außenseiter, aber auch Künstler
"rassistisch zu diskriminieren und zu diffamieren".
Neu hingegen ist der
Termin der Eröffnung, die heute, Donnerstag, um 20 Uhr im Grazer Schauspielhaus
mit einer Rede des Architekten Wolf D. Prix beginnt: In der 35-jährigen
Geschichte des Festivals begann kein herbst später. Und keiner reichte in
den Winter - beziehungsweise in das darauf folgende Jahr.
Aber Oswald
arbeitet eben für Graz 2003. Und so findet die Wiederaufnahme von Beat Furrers
Begehren am 9. Jänner statt - als Eröffnungs-Gig der Helmut-List-Halle,
der künftigen Heimstatt des herbstes, auch szenisch. Und gar bis März
läuft die Architekturausstellung Latente Utopien.
Diese Schau
kommt für herbst-Verhältnisse ziemlich teuer: Sie kostet 1,1 Millionen
Euro. Oswald beschränkt sich daher auf wenige Produktionen, doch diese seien,
wie er beteuert, erstklassig: Tintentod von Josef Winkler wird
umgearbeitet wiederaufgenommen, Kathrin Rögglas fake reports wurden
kürzlich im Wiener Volkstheater uraufgeführt. Gleich drei Regisseure bereiten in
Graz Elfriede Jelineks Prinzessinnendramen I-III, vor zwei Tagen in
Hamburg aus der Taufe gehoben, auf. Und von Schwetzingen übernommen wird Achim
Freyers Inszenierung von Salvatore Sciarrinos Macbeth. Allerdings, so
Oswald, spiele ein besseres Orchester, das Klangforum Wien. Die wahre
Uraufführung finde daher am 7. 11. in Graz statt.
Zudem denkt er nicht in
Jahreszeiten. Im Oktober 2003 sollen Lost Highway von Olga Neuwirth und
Jelinek sowie Theater der Wiederholung von Bernhard Lang uraufgeführt
werden. Vier zeitgenössische Musikdramen innerhalb nur eines Jahres
herauszubringen: Das macht Peter Oswald so bald niemand nach. (DER STANDARD,
Printausgabe, 24.10.2002)