| diepresse.com | ||
| zurück | drucken | ||
|
| ||
| 30.07.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Spüren, nicht immer wieder sehen | ||
| VON ALMUTH SPIEGLER | ||
| "Les Grands Spectacles". Das Salzburger Museum der Moderne kapituliert vor der Allgegenwart des Spektakels. | ||
|
S Die Enttäuschung muss heute eben mit einkalkuliert
werden, sie gehört zum Spiel mit den überzogenen Erwartungen einer
Gesellschaft, die hoffnungslos süchtig ist nach dem Event, wie das
Spektakel heute heißt, nach Zerstreuung und schneller Ablenkung.
Eskapistisch nennt man das. Und das, was heute von den immer stärker
miteinander verknüpften Machtfaktoren Kunstmarkt, Museen,
Fachzeitschriften zur Kunst erkoren wird, bedient diese Forderung meist
bedingungslos. Je mehr private Sponsoren, je größer der Einfluss der
Wirtschaft, desto mehr muss Kunst auch PR-Werte erfüllen. Ob durch Schock
oder Schönheit. Egal. Die Ausgangslage für eine Ausstellung über das Spektakel
in der Kunst war also durchaus komplex. Die Kuratoren Margrit Brehm und
Roberto Ohrt haben sich vor allem dafür entschieden, sie in ihrer
Unübersichtlichkeit widerzuspiegeln. Was ihnen auf dem begrenzten Platz
recht gut gelungen ist - ein Museum ist schließlich nicht die
Unlimited-Messehalle der "Art Basel", auf große Videoinstallationen musste
eben verzichtet werden. Und so läuft man vorbei an den Namen, die einem
eingehämmert wurden von Biennalen, Auktionen, gehypten
Mega-Gruppenschauen. An Jeff Koons, der einen riesigen knalligen
Vergnügungspark malt, an Paul McCarthy und Jason Rhoades, die bei der
vergangenen "documenta" die Scheiße der Besucher in Glaskolben abgefüllt
haben, an Vanessa Beecroft und ihren glatten Modellkörper-Aufstellungen,
an Candida Höfer, die leere Theater fotografiert hat, Maurizio Cattelan,
der Picasso als lebensgroße Comicfigur sieht, und Sylvie Fleury, die
Bergkristalle auf die Leinwand geklebt hat. Von der Decke über dem
Treppenhaus hängt eine Puppe, oben wartet schon ein blutiges Stück
Plastik-Haifisch und Jonathan Meese durfte noch einmal sein ganz
persönliches Jugendzimmer zumüllen. Alles ganz toll, sicher. Aber es wird
einem schwindlig von dieser leichthändigen Beliebigkeit, mit der hier aus
einer unerschöpflichen Masse geschöpft wurde, in dieser Abgeklärtheit, mit
der die Besucher auf diese ganzen Exzess-Anstrengungen reagieren. Die für
die Kunsthallen produzierten Spektakel scheinen ihr Publikum nicht mehr zu
erreichen, geschweige denn zu bewegen, zu berühren, wie es eine
"Sensation", sei sie von Saatchi, vor acht Jahren noch eher vermochte. Es
ist ein Overkill, vor dem man ins Historische flüchtet. Hier, in den unteren Geschoßen, wird der Blick klarer.
Hier bewegt man sich auf gesichertem Terrain, hier darf staunend
nachgeholt werden, was sich so unglaublich schnell und rücksichtslos
überrollt hat. Die Erfindung der bewegten Bildes, des Films, Ende des
19. Jahrhunderts, die Entwicklung der Massenmedien. Marcel Duchamps
Fahrradrad, das er 1913 auf einen Schemel montiert und zu Kunst erklärt
hat - das verstand man noch als Spektakel. Die aufständischen
Internationalen Lettristen und Situationisten des Paris der 50er und 60er
Jahre. Andy Warhols Factory. Joseph Beuys. Die Wiener Aktionisten. Auf
einem Bildschirm laufen die ersten Musik-Clips. Schön haben die Kuratoren
in diesem Teil Historisches und Zeitgenössisches gemischt. Mutig hängen
etwa im Grafikkabinett zwischen Drucken von James Ensor und Edvard Munch
die im Vergleich gar nicht mehr so wilden Blätter von Raymond Pettibon und
Andreas Hofer. Schade, dass dieses gewagte Konzept sich nicht konsequent
durch alle Kapitel zieht. Das wäre eine Sensation gewesen.
|
||
| © diepresse.com | Wien | ||