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30.07.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung
Spüren, nicht immer wieder sehen
VON ALMUTH SPIEGLER
"Les Grands Spectacles". Das Salzburger Museum der Moderne kapituliert vor der Allgegenwart des Spektakels.

S
ensation. So hieß 1997 die berüchtig te Ausstellung, mit der Megasammler Charles Saatchi in London seine "Young British Artists" zu einem weltweit anerkannten Luxus-Label machte. Ein kalkulierter Skandal - mit Tracey Emins zerwühltem Bett, Damien Hirsts eingelegtem Hai und Chris Ofilis Madonnen-Bild mit Elefantenkot-Knödel und Porno-Schnipseln. Die YBA's dürfen natürlich auch im Museum der Moderne am Mönchsberg nicht fehlen, das diesen Sommer versucht, die Festspiele in der Stadt zu seinen Füßen mit "Les grands Spectacles" noch zu verdoppeln, und "120 Jahre Kunst und Massenkultur" feiert. Zwar konnte Direktorin Agnes Husslein nicht Hirsts heuer um zehn Millionen Euro an einen US-Milliardär verscherbelten Hai nach Salzburg holen - obwohl man ihr das fast zugetraut hätte -, sondern man muss sich mit einem relativ harmlosen McDonalds-Drive-In-Modell der Chapman-Brüder begnügen.

Die Enttäuschung muss heute eben mit einkalkuliert werden, sie gehört zum Spiel mit den überzogenen Erwartungen einer Gesellschaft, die hoffnungslos süchtig ist nach dem Event, wie das Spektakel heute heißt, nach Zerstreuung und schneller Ablenkung. Eskapistisch nennt man das. Und das, was heute von den immer stärker miteinander verknüpften Machtfaktoren Kunstmarkt, Museen, Fachzeitschriften zur Kunst erkoren wird, bedient diese Forderung meist bedingungslos. Je mehr private Sponsoren, je größer der Einfluss der Wirtschaft, desto mehr muss Kunst auch PR-Werte erfüllen. Ob durch Schock oder Schönheit. Egal.

Die Ausgangslage für eine Ausstellung über das Spektakel in der Kunst war also durchaus komplex. Die Kuratoren Margrit Brehm und Roberto Ohrt haben sich vor allem dafür entschieden, sie in ihrer Unübersichtlichkeit widerzuspiegeln. Was ihnen auf dem begrenzten Platz recht gut gelungen ist - ein Museum ist schließlich nicht die Unlimited-Messehalle der "Art Basel", auf große Videoinstallationen musste eben verzichtet werden. Und so läuft man vorbei an den Namen, die einem eingehämmert wurden von Biennalen, Auktionen, gehypten Mega-Gruppenschauen. An Jeff Koons, der einen riesigen knalligen Vergnügungspark malt, an Paul McCarthy und Jason Rhoades, die bei der vergangenen "documenta" die Scheiße der Besucher in Glaskolben abgefüllt haben, an Vanessa Beecroft und ihren glatten Modellkörper-Aufstellungen, an Candida Höfer, die leere Theater fotografiert hat, Maurizio Cattelan, der Picasso als lebensgroße Comicfigur sieht, und Sylvie Fleury, die Bergkristalle auf die Leinwand geklebt hat. Von der Decke über dem Treppenhaus hängt eine Puppe, oben wartet schon ein blutiges Stück Plastik-Haifisch und Jonathan Meese durfte noch einmal sein ganz persönliches Jugendzimmer zumüllen. Alles ganz toll, sicher. Aber es wird einem schwindlig von dieser leichthändigen Beliebigkeit, mit der hier aus einer unerschöpflichen Masse geschöpft wurde, in dieser Abgeklärtheit, mit der die Besucher auf diese ganzen Exzess-Anstrengungen reagieren. Die für die Kunsthallen produzierten Spektakel scheinen ihr Publikum nicht mehr zu erreichen, geschweige denn zu bewegen, zu berühren, wie es eine "Sensation", sei sie von Saatchi, vor acht Jahren noch eher vermochte. Es ist ein Overkill, vor dem man ins Historische flüchtet.

Hier, in den unteren Geschoßen, wird der Blick klarer. Hier bewegt man sich auf gesichertem Terrain, hier darf staunend nachgeholt werden, was sich so unglaublich schnell und rücksichtslos überrollt hat. Die Erfindung der bewegten Bildes, des Films, Ende des 19. Jahrhunderts, die Entwicklung der Massenmedien. Marcel Duchamps Fahrradrad, das er 1913 auf einen Schemel montiert und zu Kunst erklärt hat - das verstand man noch als Spektakel. Die aufständischen Internationalen Lettristen und Situationisten des Paris der 50er und 60er Jahre. Andy Warhols Factory. Joseph Beuys. Die Wiener Aktionisten. Auf einem Bildschirm laufen die ersten Musik-Clips. Schön haben die Kuratoren in diesem Teil Historisches und Zeitgenössisches gemischt. Mutig hängen etwa im Grafikkabinett zwischen Drucken von James Ensor und Edvard Munch die im Vergleich gar nicht mehr so wilden Blätter von Raymond Pettibon und Andreas Hofer. Schade, dass dieses gewagte Konzept sich nicht konsequent durch alle Kapitel zieht. Das wäre eine Sensation gewesen.

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