



Die tiefschwarze Seele des Ateliers van Lieshout ("Course of Life" , 2009) führt Ursula Krinzinger in ihrem großen Messestand vor, eine Kooperation mit den Berliner Galerien Baudach und Carlier Gebauer.

Die Pose erinnerte stark an "Mr. Methan" . Also an jenen Briten, der durch wohldosiert ausgestoßene Darmwinde in Deutschlands Supertalent-Show zwar keinen Vogel, aber dafür einen Ballon abschoss. Mit lautem Peng platzte auch ein Verhüterli bei der Eröffnungsperformance zur sechsten Viennafair: Es steckte am hochgereckten Hinterteil von Thomas Palme. Kein Kunstfurzer, sondern Artist in Residence des Landes Niederösterreich. Palme zog es allerdings vor, die Latexhülle mithilfe eines im Höschen versteckten Schlauchs und Atemluft zu mehr Volumen zu bringen. Und dann, nach langer kollektiver Meditation, platzte die Blase letztendlich auch. "I hoids ned aus" : So beschloss einige Stunden später die unangekündigte Performance des Wiener Beschwerdechors (ein Projekt von Oliver Hangl, das Mak-Direktor Noever einschleuste) die Vernissage mit gelungenen Unkenrufen Richtung Claudia und Andi. Welch Auftakt zu Wiens sechster Kunstmesse!
Ja, die Party ist schon die halbe Viennafair. Bei der Eröffnungssause in den mauerlosen und folglich gut durchlüfteten Rinderhallen St. Marx war laut Viennafairdirektor Edek Bartz die "überhaupt größte Skulptur" der Messe zu sehen: Eine mit Heavy Metal überschallte Installation aus rosa Stoffbahnen von Heimo Zobernig.
Die Messe selbst gibt sich mit 114 statt 122 (2009) ausstellenden Galerien heuer etwas entschlackt, was sich nicht sehen und kaum fühlen lässt. Wenn man jedoch hinter vorgehaltener Hand hört, wie viel Kraft es gekostet hat, die Breite der Aussteller herzustellen, wirkt der kleine Rückgang dramatischer. Der Messeschwerpunkt Osteuropa wurde dennoch ausgebaut: Insgesamt 33 Galerien reisten aus den CEE-Ländern an, 28 davon dank Förderungen des Hauptsponsors Erste Bank. Aus dessen Zielgebiet herausgefallen ist leider die Türkei: Dennoch konnten, aufgrund hartnäckiger Bemühungen von Galeristin Ursula Krinzinger, "die zwei wichtigsten Istanbuler Galerien" (Nev und Galerist), für die Messe gewonnen werden. Beide setzen mit Einzelpräsentationen (Inci Eviner und die recht bekannte Ayºe Erkmen) auf ein glattes erstes Statement.
Viele dieser Jungen schmiegen sich im Hallenwesten in die kleinsten Kojen und liefern dort zwar keine lauten Knaller, aber dafür konzentrierte und für Einsteiger leistbare Arbeiten auf Papier: So etwa bei der kroatischen Galerie Miroslav Kraljević, die Schönes von Tina Gverović und Marko Tadić zeigt. Auch Viltin aus Budapest besinnt sich mit Klára Petra Szabó und Zsolt Tibor auf Zeichnungen. Allerdings ist der Fokus auf das geringere Beträge abwerfende Medium Zeichnung auch ein Luxus, den man sich mit geförderter Messeteilnahme viel leichter gönnt. Denn bei etwa 14.000 Euro für 75 Viennafair-Quadratmeter könnte womöglich das Fleckchen Wand teurer sein als die darauf platzierte Kunst.
Kaum wirtschaftlich wird daher Karol Winiarczyks Messeauftritt sein: Sehr edel hat er die Serie von Karine Fauchard zur Kunstsammlung Yves Saint Laurents (440 bis 1800 Euro) auf einem Berliner Blau präsentiert. Eine ansprechende Präsentation, die begeisterte Käufer anlockte. Optisch herausstechend der Stand der Galeristinnen Charim, König und Senn: Die Arbeiten sind komplett mit einer Fototapete aus hunderten Aufnahmen Elfie Semotans hinterfangen, was der Präsentation einen angenehmen, privaten Touch verleiht. Den Galerienpreis für die schönste "Koje" erhielt eine andere: Rosemarie Schwarzwälder mit einem stringenten Raum-im-Raum-Konzept; Sohn Nikolaus Oberhuber (KOW, Berlin) überzeugte die Jury mit einer konzeptuellen Präsentation.
Relativ Günstiges gibt es im Übrigen auch bei den Etablierten: Die stillen Zeichnungen von Gerlinde Wurth, so Galeristin Grita Insam (die die mexikanische Galerie Menocal ins Messeboot holte), sind immer sehr beliebt: mit 400 Euro ist man dabei. Das 100-Fache kann man bei ihr in eine Fotografie von Candida Höfer investieren. Bei der Doyenne der österreichischen Galerien, Ursula Krinzinger, muss man etwas tiefer ins Börserl greifen, bekommt aber für erschwingliche 3000 bis 3500 Euro schon Großformatiges der Österreicherinnen Ulrike Lienbacher oder Eva Schlegel. Und Sabine Jaroschka, Direktorin bei Hilger Contemporary, rät Einsteigern zu einer Collage von Erró (3600 Euro), die man derzeit auch im Centre Pompidou bewundern kann.
Wie eine Messebeteiligung und Teamwork auch aussehen können, macht der bulgarische Künstler Ivan Moudov in der slowenischen Galerie Škuc vor: Seine schmarotzende Subgalerie passt in eine Schreibtischlade. So ein Schelm! (Anne Katrin Feßler, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.05.2010)
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