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Quer durch Galerien

Schlafen bis zum Kompost

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!Der Tod: ein Stillleben. Das Leben: eine Ruhestörung. Anders ausgedrückt: Tote schnarchen nicht. Sie sind ja mundfaul (auch im vermodertsten Sinne des Wortes). Beim Hummel (Bäckerstraße 14) wird noch bis 30. Juni quasi lauthals geschwiegen: "Silentium" (frei nach dem Geräuschpegel in der Kapuzinergruft). Eine Hommage an die Totenstarre (im weitesten Sinne) und an diejenigen, denen man "den Ton abgedreht" hat.
Eine angeschwemmte Wasserleiche kann die Fliegen nicht mehr verjagen. Weil posthume Personen notgedrungen Phlegmatiker sind. Dominik Steiger garniert die Augen einer Toten aus der Seine (genau genommen nur ihre Totenmaske) dekorativ makaber mit Fliegen. Ein skurriles Memento mori, keine Fliegenorgie. (Also keine nekrophile Belästigung, wo sich der aufdringliche Eros, der mit der Fliegenklatsche schwer zu erwischen ist, auf den verwesenden Thanatos stürzt). Noch dazu gelten Fliegen mancherorts als Erscheinungsform der Seele.
Ein Zugeständnis an den Eros vor dem Tod: die appetitlich schlafende Marilyn auf einem Foto von Bert Stern. Die blondeste Versuchung (na ja: eine davon), seit es Sexappeal gibt. Freilich hat sich MM kurz darauf ihres Pulsschlags entledigt (ausgerechnet mit einer Überdosis "Schlaf").
Stoffwechsel auf dem Friedhof: Ein Grab mag ja auf seine Weise eine Senkgrube sein, weil da die Toten versenkt werden. Aber es ist kein Plumpsklo. (Im Regelfall.) Heidi Harsieber ist trotzdem ein Schnappschuss von dieser konkurrenzlos anarchischen Art der "Grabpflege" gelungen: Inmitten der Totenruhe geht die Oma mit dem Enkerl Gassi. Kurz: Grabschändung aus mangelnder Stoffwechseldisziplin. Putzig pietätlos (mit den naiv niedlichen Hinterbäckchen).
Und von Joseph Beuys, der eine andere Denkungsart als unsereins hat ("Ich denke sowieso mit dem Knie"), weshalb es keine Schande ist, wenn man nicht alles versteht: auch so eine Art Grablegung. Ein "fossiles" Tonband, das in einem Stapel aus schalldämmenden Filzstücken versteckt ist, aber ohnedies schalltot ist. Schon aus Gründen der praktisch ausgestorbenen Abspielmöglichkeiten. Wer oben ein Ohr anlegt, muss schon eine verdammt niedrige Hypochondrie-Schwelle haben (oder das "Prinzessin auf der Erbse"-Syndrom), um sich einen Tinnitus zu holen. Die Schau mit so manchem Gustostückerl ist nicht nur für Depressive und Totengräber ein Quell der Inspiration.
Eine Gummizelle wäre der perfekte Ort für eine Vernissage. Man kommt sowieso nicht wegen der Kunst, sondern um sich anderweitig auszuleben. Rudolf Stingel hat die ganze Galerie Kargl (Schleifmühlgasse 5) mit einer sehr "empfänglichen" Schutzschicht aus silbrig glänzenden Isolierplatten ausgekleidet (was ein verführerisch diffuses Raumgefühl verursacht) und hat den Vernissagebesuchern den Befehl erteilt, sich völlig ihrem "Ich war da"-Reflex hinzugeben, also dem Bedürfnis, nicht spurlos an der Welt und an den Besitztümern der andern vorüberzugehen. Besonders kreative Vandalen haben ihre leeren Weingläser in die Wand gerammt. Andere dürften sich in Werwölfe (mit einem Heißhunger auf Wände) verwandelt haben. Es gibt Schlimmeres. Bis 22. Juni.
Kunterbunte Nadeln aus Holz, groß wie Speere: ein verspielt pazifistisches "Waffenlager"? Und die wuchtigen Holztrümmerln, die als Metall verkleidet sind? Die haben schon eher die "pfählende" Ausstrahlung vom "Besteck" eines Vampirjägers. Frantz Absalon (bis 20. Juni in der Galerie Sur, Seilerstätte 7) hat unübersehbar ein architektonisches Gespür (nämlich für die perfekt justierte Senkrechte). Seine gesittet abstrakten Tafelbilder könnten gar nicht besser dazupassen.

Erschienen am: 14.06.2002

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