Salzburger Nachrichten am 11. April 2006 - Bereich: Kultur
Zwei Städte im Finale

Kulturhauptstadt 2010

Die griechische Hafenstadt Patras kämpft aktuell mit ihrem Titel, Linz bereitet sich auf seinen großen Auftritt 2009 vor - und in Deutschland fällt heute, Dienstag, die Entscheidung, wer 2010 im Zentrum der kulturellen Aufmerksamkeit stehen darf. Essen und Görlitz heißen die beiden Städte, die bis zuletzt im Rennen um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2010" blieben. Knapp drei Jahre hat dieses Rennen gedauert - heute soll nun die EU-Kommission in Brüssel das letzte Wort haben.

Zwei gegensätzliche

Konzepte treten dabei gegeneinander an: Essen bewirbt sich mit dem gesamten Ruhrgebiet als Region der Schwerindustrie im Wandel. Görlitz tritt als Stadt mit zahlreichen Kulturdenkmälern an und will gemeinsam mit der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec auf die Zukunft Europas im Osten verweisen.

Insgesamt 18 deutsche

Städte hatten 2003 ihre Konzepte für den Wettbewerb um den Titel eingereicht, der 2010 neben dem ungarischen Pécs als Vertreterin der EU-Neulinge auch einer deutschen Kommune zusteht.

In der nationalen Vorentscheidung landete Essen auf Platz eins und Görlitz auf dem zweiten Rang. Aus dem Feld geschlagen wurden dabei unter anderem Potsdam, Schwerin, Köln, Bremen und Regensburg.

"Wandel durch Kultur

- Kultur durch Wandel" lautet die Losung der Essener Bewerbung. Beispielhaft für ähnliche Regionen in Europa will das Ruhrgebiet zeigen, wie die Kultur den Strukturwandel in einer einst von der Montanindustrie geprägten Region vorantreiben kann. Stillgelegte Zechen und Hochöfen wurden zu kulturellen Vorzeigeinstitutionen einer Region, die sich nach dem Ende der Bergbau- und Montanindustrie zunehmend als Kulturmetropole begreift. Das Motto der Ruhrgebietsbewerbung: "Entdecken. Erleben. Bewegen."

Görlitz will

unter dem Motto "From the middle of nowhere to the heart of Europe" (Aus dem Nirgendwo ins Herz von Europa) gemeinsam mit Zgorzelec eine kulturelle Brücke in die Zukunft Europas im Osten schlagen. Zentrales Element ist der so genannte Brückenpark, ein gemeinsames Projekt mit dem polnischen Nachbarn Zgorzelec. Auf beiden Seiten des Grenzflusses Neiße soll in den kommenden Jahren ein kulturell-wissenschaftliches Zentrum beider Städte entstehen.

Geprägt wurde die Metropole in der Oberlausitz durch Einflüsse aus Böhmen, Schlesien, Brandenburg und Sachsen. Bevölkerung und Geschichte vereinen deutsche und slawische Kultur und Lebensart.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Industriestadt 1945 geteilt, die Oststadt zum polnischen Zgorzelec. Jahrzehnte lag sie zuerst an der DDR-, später an der EU-Außengrenze. Die Einwohnerzahl ging um ein Drittel zurück. Der politische Umschwung 1990 bot Möglichkeiten für eine Rolle als Mittlerin zwischen West und Ost. 1998 wurde die Europastadt Görlitz/Zgorzelec proklamiert, seit der EU-Osterweiterung im Mai 2004 liegt sie im Herzen Europas. Derzeit leben knapp 61.000 Menschen in Görlitz. SN, dpa