Nach Joseph Beuys und Georg Baselitz ist
Sigmar Polke einer der deutschen Kunst-Stars. Drei bedeutende Sammler
vereinen etwa 170 Malereien und Grafiken für eine Ausstellung in
Baden-Baden und Wien: Frieder Burda, Josef Froehlich und Reiner Speck.
Alle drei sind aus der Generation des 1941 in Schlesien geborenen
Künstlers und interessieren sich deshalb besonders für seinen frühen
ironischen Blick auf Nierentische, Urlaubsgrüße in der deutschen
Nachkriegszeit und die Abwendung vom kleinbürgerlichen Wohlstandsideal
1968.
Polke hatte 1963 bis ’67 in einer
Solidargemeinschaft mit dem Kollegen Gerhard Richter in der Kunst den
"kapitalistischen Realismus" ausgerufen – eine Entgegnung auf den
sozialistischen Realismus der DDR-Malerei und eine Absage an die
strengen Regeln der klassischen Moderne mit alleiniger Gültigkeit der
Abstraktion.
Von Köln aus startete der postmoderne Epochenumbruch der Kunst in
den Pluralismus von Thema und Material: eine klare Absage an den Ernst
der deutschen Romantik und eine provokative Mischung von Pop, Fluxus,
Neo-Dada.
Triumph über Moderne
Aber statt Beliebigkeit ist es auch ein theoretisches Weiterarbeiten
an berühmten Motiven der Kunstgeschichte, gelehrt und mit einem großen
Quantum Ironie gegenüber dem elitären Künstlerbild: für Wien geradezu
bestimmt sind die Kopien von Dürers berühmtem Blatt "Feldhase" in
Gummiband, Nägel umspannend, als textiles Relief auf Spanplatte oder
als Umriss auf geometrischem Dekorstoff; selbst Dürers Signatur wird
dahingehend mitverfremdet.
Als die Kunsthistoriker Hans Belting und Werner Hofmann in den
Achtzigerjahren darum stritten, ob man am Ende der Kunst und der
Geschichte angelangt sei, diente ihnen Polkes Bild "Moderne Kunst" als
Fallbeispiel. Diese Paraphrase auf Kasimir Malewitsch ist der Triumph
über den Mythos Moderne, doch die angestrebte Stillosigkeit erzeugte
einen neuen Stil. Mit der Mischung von Tradition und medialer
Bilderflut, von figural und abstrakt – vor allem auch in den
Rasterbildern – kommt Polke zum "springenden Punkt": Die kleine Collage
"Konfettibild" macht sich despektierlich über Wahrnehmungsdiskussion
der Impressionisten oder Minimalisten lustig. Er setzt Sprache ein, um
zu erklären und zugleich zu verrätseln, erzeugt mit Farb- und
Lackschüttungen aktionistische Variante, durchsichtige Stoffbahnen mit
Muster geben ihm neben dem Raster Strukturen vor.
Doch inhaltlich ist er in seinen Bildern oft politisch engagiert:
Polke malt traumatische Flüchtlingsschicksale und Gewaltszenen, seine
Kunst belehrt trotzdem nicht, sie gesteht unsere desillusionierte
Haltung ein. Muss man diesen Künstler also mögen, weil er 2005 sogar
eine "Menschenbrücke" baute? Trotz der hohen Preise – ein Bild verlässt
das Atelier erst nach Ablegen von einer Million Euro – scheint Polke
dieser Sammler Liebling zu sein, schrieb Rainer Speck doch den Essay
"Von der Schwierigkeit, an einen Polke zu kommen".
Sigmar Polke.
Eine Retrospektive
Götz Adriani, Edelbert Köb
(Kuratoren)
bis 7. Oktober
Mumok (Ebene 4, 6)
Stilbruch mit Humor.
Donnerstag, 21. Juni 2007