Letzte Schau im TB A21: Figura Cuncta Videntis.
Hommage an Christoph Schlingensief
Installation wird zum Mythos
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Ein Blick auf Christoph Schlingensiefs "Animatograph – Iceland-Edition".
Foto: Michael Strasser/T-B A21
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Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer

Die letzte
Ausstellung im barocken Palais in der Himmelpfortgasse widmet Francesca
Habsburg Christoph Schlingensief. Sein Titel "Figura cuncta videntis"
(das allsehende Auge) geht auf einen mittelalterlichen Text Nikolaus von
Kues zurück. Dessen Vision von Gott als Auge ist einer der vielen
Ausgangspunkte für die vielschichtige Installation, den sogenannten
"Animatograph (Island Edition)", denn der rotierende Apparat beinhaltet
eine Drehbühne, zu der man gelangt, nachdem man sich von den Darstellern
Karin Witt und Klaus Beyer eine Einführung in das Island-Projekt des
Künstlers geben lässt.
Kommentar:
Der Tod schafft einen Heiligen
Der "Seelenschreiber" für die absolute Performance bietet viel an
Sinneseindrücken, auch wenn es vor allem um Sichtkontrolle geht – vom
Fischgestank über Musik, gesprochene Texte, Videos: Ein Parcours wie der
Weg zur Vision einer Liebesinsel. Und gleichzeitig ein Gang durch die
Hölle und den Krieg von Göttern, Religionen und ihren verschmelzenden
Symbolen wie einem Vogel Strauss aus Afrika mit dem nordischen Odin. Am
Ende der Edda-Mythen winkt eine Art Kunstanalyse durch allerlei
Selbsterfahrung – auf der Couch der authentischen Relikte kann wie auf
der Klomuschel aus dem Chaos vielleicht Erkenntnis kommen.
Lebendiger Kosmos
Erstmals wurde dieser wichtige Einstieg des Filmemachers und
Theaterregisseurs in die bildende Kunst in den ihm nicht einladend
erscheinenden Galerieräumen einer aufgelassenen Bank in Island 2004
gezeigt. Francesca Habsburg ließ sich auf seine Verweise auf Diter Roth,
Joseph Beuys und Jonathan Meese wie auf die hängenden Stinkfische ein
und führte den "Animatograph" hier wieder mit anderen wesentlichen
Performancekünstlern zusammen. Unter den elf sind Meese, John Bock, Dan
Graham, Tony Oursler oder Gregor Schneider und einige Teamworks, denn
auch die sehr spontane Arbeit Schlingensiefs zwischen den Künsten
basierte immer auf einer Partizipation vieler. Sie funktioniert
anhaltend als lebendiger Kosmos, weil seine Mitarbeiter nach Wien kamen
und fünf Räume für die komplexe Installation umbauten, dabei sogar ein
Auto über die Treppe in den ersten Stock transportierten.
Anders als bei mancher Rekonstruktion von Installationen des ebenso
an Tafeln seinen Kosmos skizzierenden Vorbilds Beuys, dem ein
Schaufenster oder eine gemeinsame Akademienische mit Roth gewidmet ist,
hält sich im Animatograph durch Sprache, Fotos und Videos eine höhere
Präsenz des im August verstorbenen Künstlers.
Eine weitere Belebung wird ihm durch den schwarzen Gegenkosmos der
Relikte zum Thema "Parzival" des weiteren Gralsuchers "Jonathan Meese
ist Mutter Parzival" von 2005 zuteil. Auch er baut das Unmittelbare,
Gewalttätige in seine theatralische Aktion ein, die mit dem exzessiven
Vorbild Klaus Kinski noch eine passende Erinnerungsfigur zu Richard
Wagners Musik beschwört. Die Aufführung im Magazin der Staatsoper Unter
den Linden in Berlin war eine aus der von Francesca Habsburg in Auftrag
gegebnen Performancereihe "Relation in Movement".
Während der Ausstellung und vor allem in der Vienna Art Week werden
aber auch Live-Performances, teils von isländischen Künstlern, im TB A
21 stattfinden. Im Herbst plant die innovative Sammlerin von
Gegenwartskunst einen Umzug – sie hofft dabei auf Maria Vassilakous
Zustimmung, eine temporäre Kunsthalle im Schweizergarten für ihre aus
den barocken Nähten des Palais platzende Sammlung errichten zu dürfen.
Vielleicht wäre eine Führung der Vizebürgermeisterin durch den
Animatograph hilfreich.
Ausstellung
Figura cuncta videntis (Das allsehende Auge)
Von
Christoph Schlingensief
TB
A21
Zu sehen bis 16. April 2011
Printausgabe vom Donnerstag, 18.
November 2010
Online seit: Mittwoch, 17. November 2010 17:58:00
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