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Kunstberichte

Kaffeehaus? Nicht die Bohne gestrig!

Aufzählung Das MAK lässt an Zukunftsvisionen tüfteln.

Wien. (irr) "Alles, was hängt"/ "Alles, was steht": Nein, hier hat man es nicht mit der Variation eines Kinderspiels zu tun. Julia Landsiedl, Designer in Residence des Museums für angewandte Kunst (MAK), hat nach der obigen Unterscheidung etliche Objekte der Wiener Kaffeehauskultur sortiert. Womit sie eine Hoffnung von Kurator Thomas Geisler auch nicht enttäuscht hat, nämlich: "museale Denkmuster zu durchbrechen und eine künstlerisch-wissenschaftliche Forschungsmethode zu erproben".

Der höhere Zweck: Bis Herbst werkelt das MAK (gemeinsam mit departure, der Kreativagentur der Stadt Wien) am Kaffeehaus der Zukunft. Derzeit in Phase I: In drei Workshops strapazieren Kreativlinge ihr Oberstübchen. Phase II des "Großen Wiener Kaffeehaus-Experiments" beschert den Vollzug: Die Hervorbringungen des Think-Tanks werden zur benutzbaren Realität – und laden im Oktober zum experimentellen Kaffeekränzchen in der Säulenhalle.

Nachtseite des Koffein-Kults

Bis es soweit ist, leistet Landsiedls Labor (auf drei Ebenen im schmalen MAK Design Space) Beihilfe. Auf Tuchfühlung mit der siedenden Zunft und dem Fundus des MAK-Archivs hat die Wienerin Bestehendes gesichtet, auf seinen sozialen und ästhetischen Wert abgeklopft – und mit Notizen in ihrer Wunderkammer gebunkert. Und das Bunkern geht weiter. Ist die Leiter beim Eingang ein diffiziles Symbol? Mitnichten. Landsiedl steigt drauf. Weil sie auf einem Riesentransparent immer wieder Erkenntnisse notiert.

Hübsch anzusehen sind jedenfalls die gruppierten Fundstücke. Da prunkt ein Bild vom aristokratischen Kaffeekonsum neben Coffee-to-go-Pappe ("Das Ende der Kultur"), da verweisen ein Karlsbader Kanne und Filtermaschinen auf die "Domestizierung des Kaffees", bevor er dank Starbucks & Co laufen lernte. Und während Lampen altwienerisches bis modernes Licht spenden, beschert der Keller sozusagen die Nachtseite der Koffein-Kultur. In einer kargen Kammer mit Spieltisch spendet nur der Stummfilm über das verruchte "Café Elektric" (1927, Untertitel: "Wenn ein Weib den Weg verliert") Licht. Nebenan hausen seltsame Mutanten: Der Thonet Nr. 14, Wiens Sitzplatzklassiker, hat dank eines Designprojekts 2009 noch diverse geschwungene Zentimeter zugelegt. Allerlei Tischplatten, lieblos gestapelt, kalauern bei näherer Betrachtung. Jener mit der Aufspann-Vorrichtung: natürlich für Einspänner gedacht.

Selbst trinken? Geht auch. Zwar mag die Darreichungsform (Nespresso!) nicht rasend kreativ sein. Die Vorfreude auf Oktober wird so aber noch gesteigert.

 

Printausgabe vom Samstag, 09. April 2011
Online seit: Freitag, 08. April 2011 20:42:06

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