Die Presse: Was passiert, wenn die Leopold-Stiftung dem Kunstrückgabe-Gesetz unterworfen wird?
Rudolf Leopold: Ich bin kein Jurist und kann das nicht sagen. Das wird wohl ein längerer Prozess. Es gibt die von der Kultusgemeinde bestellten Gutachten. Wir bereiten auch Gutachten vor. Diese Gutachten müssen gegeneinander abgestimmt werden. Ich vertraue Clemens Jabloner (Vorsitzender der Kunstrückgabe-Kommission, Red.), dass Für und Wider objektiv geprüft werden. Das ist ein ordentlicher Mann – im Gegensatz zu Wolfgang Zinggl (Grünen-Kultursprecher).
Gerade Jabloner hat aber zuletzt gemeint: Alles, was zweifelhaft ist, sollte zurückgegeben werden. Das klingt nach Maximallösung.
Leopold: Zweifelhaft ist ein dehnbarer Begriff. Das Belvedere hat zwei Skulpturen hergegeben. Das Museum wollte noch Gründe nachliefern, die gegen die Rückgabe sprechen. Aber die Ministerin hat einfach die Restitution unterschrieben. Ich gebe hier nur wieder, was mir der stellvertretende Belvedere-Leiter Alfred Weidinger sagte. Am nächsten Tag kam die Kunsttrans (Kunsttransport-Firma) und transportierte die Skulpturen ab, nicht für den Rückstellungswerber, sondern für Käufer Ronald Lauder.
Wenn mir meine Großmutter einen Schiele oder Klimt vererbt hätte, würde ich ihn jetzt vermutlich auch verkaufen.
Leopold: Möglich. Aber darum geht es nicht. Die „Goldene Adele“ wäre dem Belvedere als Geschenk verblieben, wenn Ministerin Gehrer mit Maria Altmann gesprochen hätte. Die Republik war falsch beraten. Ich habe Gerbert Frodl (früher Direktor des Belvedere) gesagt, gebt die drei Landschaften und die stehende Adele zurück. Bei der „Goldenen Adele“ hat Klimt die Verbindung zwischen Jugendstil und Naturalismus auf einmalige Weise gelöst. Das ist ein künstlerisch hochbedeutendes Bild. Frodl sagte, es wird nichts passieren. Ich erwiderte, darauf würde ich mich nicht verlassen. Dann hat das Museum alle fünf Klimts verloren. Wäre ich Direktor des Belvedere geworden, wie Busek (der ehemalige Wissenschaftsminister) das wollte, wäre das nicht passiert...
Haben Sie sich überlegt, wie viele Bilder Sie verlieren könnten, wenn das Museum dem Kunstrückgabe-Gesetz unterworfen wird?
Leopold: Nein.
Beunruhigt Sie das nicht? Laut des Gutachtens für die IKG sind allein elf Bilder zweifelhaft.
Leopold: Nein, es beunruhigt mich nicht. Die Bilder sind in meinen Augen rechtmäßig erworben. Die Leute schauen alle mit dem Wissen von heute, wo die Archive geöffnet sind, in die Vergangenheit. Wie der verstorbene Professor Ernst Bacher (Denkmalamt) sagte, hat sich bis Ende der Achtzigerjahre kaum jemand um Provenienzen gekümmert. Im Übrigen: Mir kann man keinen Vorwurf machen. Ich habe meistens bei Händlern oder in Auktionen gekauft.
Die ersten Rückstellungsgesetze gab es in den Vierzigerjahren, also unmittelbar nach dem Krieg. Das Ausrauben, die Vertreibung und Ermordung der Juden waren bekannt. Also müssten Sie eigentlich gewusst haben, dass Sie Bilder kauften, die wenige Jahre zuvor noch NS-Opfern gehört hatten...
Leopold: Nein, das stimmt so nicht. Natürlich war jedem bekannt, dass die Nationalsozialisten den Juden alles weggenommen haben. Ich bedauere das persönlich sehr. Aber genau deshalb gab es Rückstellungsgesetze.
Sie haben Zahlungen für zweifelhafte Gemälde angeboten, darunter Schieles „Häuser am Meer“ aus der Sammlung Jenny Steiners?
Leopold: Ich bin vor vier, fünf Jahren freiwillig zu Ariel Muzicant (Kultusgemeinde-Präsident) gegangen und habe ihm eine Zahlung angeboten. Muzicant sagte, ich werde auf Sie zukommen und wir werden ein Abkommen treffen. Dann habe ich nichts mehr gehört. Das Angebot war mit unseren Stiftungsjuristen abgesprochen. Über die Höhe hätte man reden müssen. Ich hätte das Doppelte von dem geboten, was meine Berater vorgeschlagen haben. Mit Juristen ist es manchmal ziemlich schwierig. Aber Muzicant hätte mit mir reden können.
Wenn ich mich jetzt in Muzicants Lage versetze, würde ich sagen: Er dachte, wenn Leopold bereit ist, für ein Bild zu zahlen, hat er wahrscheinlich noch mehr zweifelhafte Bilder.
Leopold: Mir ist das nicht bewusst. In meinem Sammlerleben habe ich mehr als 5500 Werke erworben, immer nachfragend und in bestem Gewissen. In ganz wenigen Fällen sind viele Jahre nach dem Kauf Informationen über angeblich unklare Herkunftsgeschichten aufgetaucht. Ich habe in diesen Fällen nachgeforscht, Kontakt mit betroffenen Nachkommen oder deren Vertretern aufgenommen, um Anknüpfungspunkte für weitere Entscheidungen zu haben. Das ist oft nicht so einfach, weil der historische Sachverhalt nicht immer klar ist.
Fühlen Sie sich zu Unrecht angegriffen?
Leopold: Ja. Es gibt keinen von Muzicant vorgebrachten Fall, der stimmt. Da werden lauter Lügen oder Halbwahrheiten verbreitet. Ich bin hier von den Amerikanern wegen der „Wally“ 60 Stunden verhört worden mit einer Lampe vor dem Gesicht. Meine Frau wurde 20 Stunden verhört.
Werden Sie diesen Prozess, der bisher Millionen Euro kostete, bis zum Ende führen?
Leopold: Es bleibt uns nichts anderes übrig. Meine Frau und ich wollten zu Beginn des Prozesses eine Ausgleichszahlung anbieten. Ronald Lauder, mit dem ich durch Serge Sabarsky (beide Schiele- bzw. Klimt-Sammler)per du bin, sagte mir damals, die Erben wären mit rund zwei Millionen Dollar einverstanden. Wir haben das im Vorstand vorgetragen, aber keine Zustimmung bekommen.
Was meinen Sie, wie man die verfahrene Situation ins Reine bringen könnte?
Leopold: Ministerin Schmied will durch Einsetzung von Experten zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen. Auf diesem Wege will ich mitgehen. Lassen wir unabhängige Experten die Sachverhalte prüfen. Ich leugne sicher nicht wider besseres Wissen die Herkunft von Bildern. Aber im Zentrum meiner Arbeit ist immer die Kunst gestanden und nichts anderes. Meine Verantwortung ist es, das Leopold-Museum vor negativen Entwicklungen zu schützen!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2008)
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