Künstler und Schamane
Noch bevor Zivilisationen ihre Religionen schufen, gab es den Schamanismus als Wissen über den heilsamen Umgang mit den Kräften der Wildnis. Der Mythenforscher Mircea Eliade und der amerikanische Anthropologe Michael Harner haben ihn erforscht und in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht, ihr Kollege Carlos Castaneda hat ihn als die „Lehren des Duan Juan“ beschrieben und zurück in die moderne Gesellschaft als Methode der Lebensbewältigung gebracht.
Joseph Beuys hat explizit die Transformation der archaischen Schamanengestalt und ihres Wissens auf die Gegenwart und hinein in die Zukunft angestrebt. Er wollte den „erneuerten, weiterentwickelten Menschen“. Das Christentum galt ihm als der „vorderste Entwicklungspunkt der Spiritualität“, den Glauben an die „Beseeltheit der Natur“ nährten in ihm Schamanismus und Mythologie.
„Hätte es die Tataren nicht gegeben, ich wäre heute nicht mehr am Leben. Ich erinnere mich an den Filz, aus dem ihre Zelte gemacht waren, an den scharfen Geruch von Käse, Fett und Milch. Sie rieben meinen Körper mit Fett ein, damit die Wärme zurückkehrte, und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält.“
Beuys’ Flugzeugabsturz über der Krim im Zweiten Weltkrieg und seine Errettung durch tatarische Nomaden ist ein viel zitiertes Beispiel für die enge Verknüpfung seiner Lebensgeschichte mit seiner Arbeit als Künstler. Sein traumatisches, lebensbedrohendes Erlebnis und die Hilfe der russischen Schamanen, auch andere existenzielle Krisen, veranlassten Beuys, in seiner persönlichen Leidensgeschichte eine Inspirationsquelle für sein Schaffen zu sehen. Joseph Beuys sah im Leiden eine Quelle der Erneuerung. Selbst sein Lebensbeginn wurde ihm zum Thema der Verwundbarkeit: Seine Geburt und die Abnabelung titulierte er als „Ausstellung einer mit Heftpflaster zusammengezogenen Wunde“.
In einem Gespräch mit dem Jesuitenpater Friedhelm Mennekes sprach Beuys von den Momenten, in denen einem Menschen sein Lebenslauf auferlegt wird, die Taufe Jesu betrachtete er – vergleichbar dem Werdegang zum Schamanen – als Initiation: Jesus wurde dadurch zu Christus, dem Retter und Erlöser. Rettungs- und Heilungsanspruch wurden zu zentralen Motiven seiner Arbeit. Als Materialien der Kunst wurden Filz und Fett von Beuys erstmals eingesetzt und zu seinen „ureigenen lebensspendenden“ Ausdrucksmitteln.
Beuys vollzog naturmythische Rituale, als Schamane am deutlichsten in seiner Aktion „I like America and America likes Me“, 1974 in einer New Yorker Galerie durchgeführt und in der Ausstellung in Krems als Video zu sehen. Drei Tage lang ließ er sich in einen Raum mit einem Kojoten einsperren. Dem Kojoten als heiligem Tier der amerikanischen Ureinwohner begegnete er mit Demut und Ehrerbietung, in ihm sah er elementare Kräfte vereint – so, wie es Schamanen in ihren Reisen mit dem Krafttier in eine Anderswelt tun. Den Weg vom Flughafen in die Galerie und wieder zurück legte er auf einer Bahre liegend als Krankentransport zurück.
Beuys hat in seinem künstlerischen Werk wie kein anderer des 20. Jahrhunderts alte, mythische Vorstellungen mit dem naturwissenschaftlichen – er nannte es materialistisches – Denken der Gegenwart verbunden. Auf der Suche nach einer spirituellen Substanz, einer Macht, die die Welt und den Menschen verändert, war sein Schaffen immer von existenziellen Fragen begleitet. Er, der dem „toten Hasen die Bilder erklärte“ – wie 1964 eine seiner Aktionen hieß –, vermochte anschaulich in seinen Exponaten, aber auch wortreich und diskussionsintensiv in seinen öffentlichen Auftritten, darauf zu verweisen, dass es um die Welt und die Menschheit nicht zum Besten stünde: Was in der Umwelt an Gefahren und Versäumnissen lauere, würde sich auch in der Befindlichkeit der Menschen spiegeln. Alte Wissensgebiete wie Naturheilkunde und Naturmythos, die Alchemie, Animismus, Kosmologie und Magie waren neben dem Schamanismus fixe Bestandteile Beuys’schen Denkens und seines künstlerischen Handelns. Seine Exponate und seine Aktionen wirken geheimnisvoll, spirituell, sind Zeugnisse ritueller, reinigender und heilender Handlungen. Gott existierte für ihn in allen Dingen der Welt, Pflanzen und Tiere verkörperten das Archetypische, besonders wichtig waren ihm die Tiere Hirsch, Elch, Wolf, Schaf, Biene, Schwan und Hase.
Der Hase als nomadisierendes Steppentier steht für Beuys’ These der Bewegung als evolutionäre Weiterentwicklung, für die chemischen Umwandlungen des Blutes, ein Symbol auch für Inkarnation und Geburt. In seiner Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ zielte Beuys auf die Dualität der Bewusstseinswelten ab, die moderne, zivilisierte Existenz steht der urtümlichen, längst vergangenen gegenüber. Beuys maskierte sein Gesicht mit Blattgold und Honig, als Verweis auf die alte kultische Bedeutung des Goldes für Reinheit und Weisheit. Honig erfüllte bei den Germanen und den Indern die Funktion der Wiederbelebung.
Beuys hat Poesie kreiert und das kollektive Gedächtnis an die Geheimnisse des Lebens wachgerufen.Joseph Beuys. Kunsthalle Krems, noch dieses Wochenende.





















