Drei Sicherheitsschlösser. Die Tür geht auf, wir stehen dicht vor einem roten Farbenmeer. Jonathan Meese in unerwarteter Nahsicht zur Begrüßung. Wieso nichts Asiatisches? Immerhin wohnen hier die Betreiber der ersten und einzigen Galerie für asiatische Kunst in der Wiener Singerstraße, Rosalynn und Christoph Bacher. Nach China und Indien fokussiert der internationale Kunstmarkt sich auf den südostasiatischen Raum. Die Kunstszenen von Thailand, Vietnam oder Singapur sind spannend, aber noch zu klein, um einen eigenen Auktionsmarkt aufzubauen. Nur in Malaysia entwickelt sich bereits ein starker Binnenmarkt. Wien ist jedenfalls dank des „Palaisproject“ ganz vorne dabei.
Kubanische Farbenexplosion. Zusammen mit Galerist Lukas
Feichtner (für die wirtschaftliche Seite zuständig), betreibt das
Ehepaar Bacher die Galerie, bestimmt die Künstlerauswahl. Rosalynns
Vater kam zum Studium aus Indonesien, ihre kulturelle Herkunft ist ein
Grund für den Südostasienschwerpunkt. Aber die Sammelleidenschaft
begann auf der anderen Seite der Erdkugel. Vor sechs Jahren kaufte
Christoph Bacher in Havanna von kubanischen Straßenmalern Bilder, pro
Werk rund $60. Eines lehnt noch an der Schlafzimmerwand: eine bunte,
abstrakte Farbenexplosion.
„Dann fragten wir uns, was es an Kunst in Österreich gibt“, erklärt das Paar. Erst wählten sie eine Papierarbeit des Illustrators Paul Flora, dann ein Werk von Oskar Laske (es erwies sich als Fälschung), bald eine große Leinwand von Hans Staudacher. Das durchbrach die anfängliche Begrenzung auf Kleinformate, Papierarbeiten und ein überschaubares Budget: „Das Bild kostete ein Jahresgehalt.“
Zeitgenossen folgten: Julian Opie, Hubert Schmalix, Alois Mosbacher. „In kurzer Zeit gaben wir ein kleines Vermögen für Kunst aus.“ Woher das Geld stammt? Kein Erbe, beide sind aus Mittelstandsfamilien, nur der eigene Verdienst steht zur Verfügung: Rosalynn Bacher arbeitet in der UNO, ihr Gatte beim Magazin „News“. Nach vier Jahren ist nun jede Wand, jede freie Fläche der Wohnung mit Bildern bestückt. Statt in Fonds und Bausparvertrag investieren sie in Kunst: „Ginge es nur nach mir, wären wir schon längst arm. Meine Frau bremst mich und ist auch ein Qualitätsregulativ.“ Jeder Ankauf wird besprochen.
Kambodscha präsentieren. Nach zwei Jahren nationalem Schwerpunkt
begann das Interesse für zeitgenössische asiatische Kunst. „Für ein
Höllengeld“ ersteigerten sie ein Bild von Ryoji Suzuki, der
mittlerweile Künstler der Galerie ist. Eben kommen die Bachers von
sechs Monaten Kambodschareise zurück, wollen in nächster Zeit mit einer
Länderpräsentation diese Kunst hier bekannter machen.
Ihr Schwerpunkt liegt deutlich auf gegenständlicher Malerei, meist mit Menschen im Mittelpunkt. Die Ausrichtung ist wenig experimentierfreudig, aber der Anspruch gewagt. Mit dem „Palaisproject“ betreten die beiden Neuland. Wie findet man sich in so fremden Kulturen zurecht, wie entwickelt man Verständnis und Qualitätskriterien? Sie informieren sich durch Galeristen und Kenner vor Ort, Ausstellungs- und Atelierbesuche, Gespräche, Kataloge, Zeitschriften.
Um den fremden Kontext zu vermitteln, sitzen sie samstags oft in der Galerie, beantworten Fragen, erzählen von den Erfahrungen. Gibt es einen zentralen Unterschied zur heimischen Kunst? „Generell ist asiatische Kunst weniger radikal und, wie in Vietnam, stark von Zensur bestimmt“, sagt Rosalynn. Aber ihr Konzept setzt auf nach 1970 geborene Künstler, viele davon deutlich experimentierfreudig. Sind auch politisch arbeitende Künstler in jenen Ländern zu entdecken? „Ja. Die, die verboten sind“, lächelt Bacher – oder die sich zu helfen wissen.
In Vietnam sind Graffiti bei hoher Strafe verboten. Tuan Andrew Nguyen malt kurzerhand ein plakatives Schriftzeichen auf das Objektiv und filmt eine leere Wand. Man merkt es kaum, bis hinter den Zeichen plötzlich zwei Beine daherspazieren. Das ist eine Bildsprache, die international verstanden wird, erfindungsreich und humorvoll – ein Künstler, der auf die nächsten Ausstellungen im „Palaisproject“ neugierig macht.
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