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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
20. September 2006
11:02 MESZ
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Haus der Künstler 
Foto: Museum Gugging/Heinz Schmölzer

Leo Navratil 1921-2006
Der renommierte Psychiater hat Wesentliches zur Förderung zustandsgebundener Kunst geleistet

Wien - Leo Navratil, der Psychiater und Gründer des später als "Haus der Künstler" bekannt gewordenen Zentrums für Kunst- und Psychotherapie in Maria Gugging, ist tot. Er verstarb vergangenen Montag in einem Wiener Spital an den Folgen eines Schlaganfalls. Leo Navratil hat in den Fünfzigerjahren begonnen, "Testzeichnungen" mit seinen Patienten durchzuführen - zunächst nicht hinsichtlich künstlerischer Ergebnisse, sondern rein wissenschaftlicher Natur. Unter tausenden der so entstandenen Patientenzeichnungen fanden sich jedoch einzelne, die ihm "besonders" erschienen.

Talent der Normalen

Navratil schloss das Phänomen kurz mit jenem "Talent", das auch unter den "Normalen" bloß einige auszeichnet. Aus diesem Ansatz heraus festigte sich im Laufe seiner Arbeit die Erkenntnis, dass eine Person, die an einer Psychose erkrankt, nur dann fähig ist, eine "formale Einmaligkeit" zu schaffen, wenn sie auch künstlerisches Talent hat. Und: Unter psychisch Erkrankten gibt es nicht mehr Talente als in der Durchschnittsbevölkerung. Navratil versammelte und förderte diese Talente. Im Jahr 1965 veröffentlichte er erste Deutungen des Zusammenhangs von Kreativität und psychischen Erkrankungen und analysierte bestimmte Darstellungsmuster im Verlauf schizophrener Zustände. Sein Taschenbuch Schizophrenie und Kunst wurde unerwartet zum Bestseller, der vor allem auch Künstler enorm beeinflusste. Ab dem Ende der 60er-Jahre pilgerten diverse Kunstschaffende - etwa die Maler Arnulf Rainer, Peter Pongratz und Franz Ringel, oder die Literaten Gerhard Roth, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker nach Maria Gugging, um mit ihren dort lebenden Kollegen zu arbeiten.

Haus der Künstler

1970 kam es zur ersten öffentlichen Ausstellung einer Gruppe von "Guggingern" in der Wiener Galerie nächst St. Stephan. 1981 kam es zur Gründung des Hauses der Künstler in Gugging. Das Haus ist Wohn- und Arbeitsstätte, Museum und Kommunikationsraum zugleich. Jeder Bewohner des Hauses soll die Möglichkeit haben, sein künstlerisches Talent konzentriert und drucklos auszuüben.

Aus den Gugginger Künstlern (u. a. Johann Hauser, Oswald Tschirtner, August Walla und der Dichter Ernst Herbeck) wurden Weltstars: Aus dem "unendlichen Projekt" wurde eine etablierte Wohngemeinschaft freischaffender Künstler, die ihre Werke über eine Gesellschaft, deren Gesellschafter sie waren, im internationalen Kunsthandel vertreiben. 1990 wurden sie mit dem Oskar-Kokoschka-Preis geadelt und sind spätestens seit damals in den wichtigsten Museen und Ausstellungen der Welt präsent.

Arbeit fortgesetzt

1986 zog sich Leo Navratil aus Maria Gugging zurück. Seine Arbeit wird seither von Johann Feilacher fortgesetzt. 1990 erhielt Leo Navratil in Würdigung seines schriftstellerischen und ärztlichen Lebenswerks den erstmals vergebenen Justinus-Kerner-Preis der Stadt Weinsberg. Zu den bekanntesten Publikationen Navratils zählen: Schizophrenie und Kunst (1965), Schizophrenie und Sprache (1966) und Gespräche mit Schizo-phrenen (1978). (Markus Mittringer/DER STANDARD Printausgabe 20.9.2006)


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